Hobby im März

Weil ich beim Gehen auf das Handy starre, renne ich in einer Seitengasse der Mariahilfer Straße fast in die junge Frau hinein.

(c) REUTERS (Luke MacGregor)

Weil ich beim Gehen auf das Handy starre, renne ich in einer Seitengasse der Mariahilfer Straße fast in die junge Frau hinein. Sie steht nämlich regungslos auf dem Gehsteig, hat die Augen zu, den Mund offen, den Kopf nach oben gestreckt, sie sieht aus wie ein Sektenmitglied, das auf die Ankunft der Außerirdischen wartet. Ich entschuldige mich bei ihr für das leichte Anrempeln, aber sie verzieht keine Miene; erst dann begreife ich, dass sie gerade die zaghafte Märzsonne anbetet (warum sollten Aliens auch justament in Wien Neubau landen?). Ich muss grinsen, und obwohl sie die Augen geschlossen hat, grinst sie zurück. Die Sonne holt wirklich komische Hobbys aus uns heraus. Ein munteres hat auch Freundin J.: Jedes Jahr, am Tag des Frühlingsbeginns, steht sie, ungeachtet des Wetters, barfuß auf dem Balkon und kippt eine Flasche Prosecco runter. Mitmachen darf niemand, „wegen des Effekts“, wie sie sagt, aber was genau sie damit meint, das traue ich mich halt auch nie nachfragen.

Solcherart spektakuläre Hobbys habe ich nicht, unter uns gesagt habe ich nur zwei Hobbys, und eines davon ist Essen. Dafür frönt der Papa einem recht außergewöhnlichen Zeitvertreib. Wenn wir unterwegs sind, auf Märkten oder in Gegenden, in denen sehr viel los ist, bei Reisen auf einem Bazar oder auch am Strand, dann findet er es irrsinnig lustig, in das Gemenge hinein vollkommen zusammenhanglos irgendwelche türkische Namen reinzuschreien. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie hochnotpeinlich mir das als Jugendliche war, als der Vater begann mit seinem „Mustafa!“ und „Süleyman!“. Heute würde ich am liebsten mitmachen, manchmal denke ich mir, man sollte einfach mal ein lautes „Ahmet!“ rauslassen. Unlängst saßen wir in einem Kaffeehaus in Ostjerusalem, und der Papa hat in regelmäßigen Abständen wieder die Namen in die Straße reingerufen, und weil einige tatsächlich so hießen oder vielleicht jemanden kannten, gab es immer wieder verwirrte Blicke in unsere Richtung – und wir dann natürlich den ahnungslosen Touristenblick aufgesetzt. Kindische Aktionen mit den Eltern, das wäre dann mein zweites Hobby.

E-Mails an: duygu.oezkan@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2019)

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