Die Schulzeit hört nie auf, sie stellt sich nur schlafend

Bei der zweiten Runde in der Schule entwickeln manche Fächer plötzlich neuen Zauber.

Wenn man während seiner Schulzeit wüsste, dass diese niemals zu Ende geht, sich nur ein paar Jahrzehnte schlafend stellt, um dann wieder (vor allem nachts) aufzuwachen, sobald eigene Kinder in die Schule gehen, dann wäre dieser erste Sommer nach der Matura vielleicht nicht so ausgelassen ausgefallen, dass der weitere Lebensweg davon beeinflusst wurde.

Im Fall von Enkelkindern durchlebt man die Schulzeit sogar drei Mal, wobei Großeltern staunenden Schülern schon wieder mehr zu bieten haben als lähmende Selbstreflexion. Kindern ist es nämlich ziemlich egal, welche Erfolge oder Niederlagen ihre Eltern in der Schule erlebt haben.

Das Schöne am erneuten Schulbesuch ist aber, dass mancher Stoff viel mehr Sinn ergibt als früher und Fächer, an denen man verzweifelte, eine neue Chance bekommen. Viele Jahre später werden nun endlich Physikformeln verstanden und etliche Defizite in Biologie aufgeholt. Wegen der vielen Praxisjahre fällt es auch mittlerweile leichter, Abstraktes auf den Boden zu bringen. So sprechen wir von griechischen Sagen, während es im Laufschritt zur Busstation geht. So wie Orpheus sich nicht nach Eurydike umdrehen darf, so muss vermieden werden, alle paar Meter zu stoppen und nach hinten zu starren, ob sich denn der Bus nähere. Denn dann wird er niemals kommen.

Die Leiden des Sisyphus lassen sich angesichts eines Bergs von Wäsche, der niemals kleiner wird, anschaulich machen. Auch das Aufräumen eines Kinderzimmers bietet sich zu ähnlichen Vergleichen an. Warum das Wasser schneller kocht, wenn man nicht verbissen auf den Kochtopf starrt, lässt sich mit ein bisschen Quantenphysik erklären, aber das kommt bei leerem Magen nicht so gut an. Denn was man als Schüler am schnellsten lernt und niemals vergisst, ist der Lieblingslehrsatz: Alles ist relativ.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2019)

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