Drama-Queen im Bad

Ich weiß nicht, wie das passieren konnte, aber ich habe Ihnen noch nie von Henrietta und Rudi erzählt, oder?

Wenn das Kind nicht zu Henrietta, sondern zu seiner normalen Zahnbürste greifen will, bekommt Henrietta einen kleinen Wutanfall.
Wenn das Kind nicht zu Henrietta, sondern zu seiner normalen Zahnbürste greifen will, bekommt Henrietta einen kleinen Wutanfall.
Wenn das Kind nicht zu Henrietta, sondern zu seiner normalen Zahnbürste greifen will, bekommt Henrietta einen kleinen Wutanfall. – (c) imago/Photocase (b-fruchten / Photocase)

Henrietta und Rudi sind unsere elektrischen Zahnbürsten. Warum sie vom Kind überhaupt diese Spitznamen bekommen haben (im echten Leben haben sie meterlange elegante Hightech-Namen wie Professional Clean Advanced Fleximode Plus, so in der Art), lässt sich heute nicht mehr restlos klären.

Während Rudi, mein Zahnpflegeassistent, ein recht gemütlicher Kerl ist, der brav am Waschbeckenrand steht und sich ohne Widerstand gelegentlich aufladen lässt, ist die Zahnbürste des Kindes, Henrietta, mehr der Typ Drama-Queen. Das kam – wenn ich es noch rekonstruieren kann – so: Das Kind wollte unbedingt eine elektrische Zahnbürste, fand dann aber schnell wenig Gefallen daran. Vermutlich, um das Kind zu motivieren, doch wieder mit der elektrischen zu putzen (die Zahnärztin hat das empfohlen), habe ich die E-Zahnbürste in einem schwachen Moment, den man natürlich nicht mehr zurücknehmen kann, mit Persönlichkeit und Eigenleben ausgestattet. Wenn also das Kind nicht zu Henrietta, sondern zu seiner (namenlosen) normalen Zahnbürste greifen will, bekommt Henrietta einen kleinen Wutanfall, führt sich auf wie eine Diva, hat dazu die passende schrille Stimme, dass es nur so hallt im Bad. Die Nachbarin denkt sich wahrscheinlich ihren Teil, das Kind aber ist, Sie ahnen es, begeistert, dass sich eine Zahnbürste so aufführen kann. Je nach meiner Müdigkeit und Laune tobt Henrietta ein bisschen herum oder stellt sich total beleidigt ins Eck und dreht ihren kleinen Bürstenkopf weg, während mein Rudi phlegmatisch die Turbulenzen vor dem Alibert erträgt. (Wir haben gar keinen Alibert, ich wollte nur dieses wunderbar altmodische Ding in Erinnerung rufen.)

Andere Menschen motivieren ihre Kinder statt mit einer theatralischen Zahnbürste mit einer dieser Apps, bei denen die Putzbewegungen auf das Tablet übertragen werden, man beim Zähneputzen also Monster besiegt (oder so.) Gibt es alles schon. Aber erzählen Sie das bitte bloß nicht unserer Henrietta.

E-Mails an: mirjam.marits@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2019)

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