Angèle, Europas neue Popkönigin aus Brüssel

Die Tochter der famosen Komödiantin Laurence Bibot hat mit ihrem Debütalbum „Brol“ enormen Erfolg.

(c) imago/Starface (Degun / Starface)

Ursprünglich wollte ich heute das seltsame Verständnis der europäischen Geschichte erörtern, welches Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission, jüngst gegenüber dem „Handelsblatt“ an den Tag gelegt hatte. „Das Kernproblem der Europäer ist ein anderes: wir lieben uns nicht. Die kollektive Libido ist uns abhanden gekommen“, sagte er und ergänzte auf Nachfrage, diese grenzüberschreitende Völkerliebe habe es „fünf, sechs Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges“ gegeben. Auf welchen Fakten er diese Aussage gründet, ist mir schleierhaft. Die Wahrheit ist eine andere. „In Frankreich traute man den Deutschen zehn bis fünfzehn Jahre nach der deutschen Besatzung nicht über den Weg“, hält beispielsweise die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung in ihrer lesenswerten Analyse „Die sozialen und kulturellen Beziehungen Frankreichs und Deutschlands seit 1945“ unter Hinweis auf die damaligen Meinungsumfragen fest. „Nur eine Minderheit von zehn bis zwanzig Prozent der Franzosen fasste Vertrauen zu den Deutschen, umgekehrt war unter den Deutschen das Vertrauen in die Franzosen ähnlich gering.“

Doch was soll's, schaffen wir lieber Erfreulichem Platz, dachte ich mir, und zum Erfreulichsten dieser Tage zählen für mich die kurzen musikalischen Pausen, die ich mit den Songs der belgischen Sängerin Angèle verbringe. Die Tochter der famosen Komödiantin Laurence Bibot hat mit ihrem Debütalbum „Brol“ (brabantisch für Durcheinander, Chaos) enormen Erfolg, ein Ohrwurm nach dem anderen kommt als Single heraus, und wer nach dem Anhören dieser Lieder den Eindruck hat, dass ihr Landsmann Stromae mit seiner lyrischen Eleganz sowie der Mischung aus melancholischer Tönung und tanzbaren Melodien einen Einfluss auf Angèle hat, liegt richtig. Aktuell möchte ich vor allem ihre jüngste Single „Balance ton Quoi“ empfehlen: sollte die #metoo-Bewegung eine Hymne benötigen, böte sich dieses schlaue, witzige und beißende Lied bestens an.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2019)

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