Im Sitzplatz-Alter

Mit neun ist das Kind für vieles schon groß genug. Man kann Großstädte bereisen, ins Theater gehen.

Mumford and Sons
Mumford and Sons
Mumford and Sons – imago images / Plusphoto

Zum – wie ich finde – formidablen Konzert der Herren Mumford & Sons neulich in der Stadthalle durfte das Kind aber nicht mit. Zu jung. Und ich unter Umständen langsam zu, nun, alt. Wie es sich gehört, hatte ich eine Stehplatzkarte und stand enorm weit vorn. Wer aber enorm weit vorn stehen will, muss enorm früh kommen, und da beginnt schon das Dilemma: Ehe auch nur die Vorband die Bühne erklimmt, spürt man schon so ein Stechen im Rücken vom vielen Herumstehen. Auf Bier verzichtet man, denn Bier macht müde, und ein richtiges Konzert beginnt sowieso zu einer Zeit, zu der man daheim schon ein-, zweimal auf dem Kinderzimmerteppich beim Vorlesen eingenickt ist.

Unauffällig versucht man mit kleineren Turnübungen die Schmerzen zu vertreiben, blickt dabei hie und da neidisch hinauf zu den Sitzplatztribünen, wo die Fans bestimmt völlig rückenbeschwerdefrei sitzen. Aber ein Sitzplatz, man ist sich einig, geht gar nicht. Wer lieber sitzt als steht, ist nicht mehr jung (oder hat sich nicht rechtzeitig um Karten gekümmert). Nach der Vorband bemerkt man, die Lautsprecher stehen halt doch nah, so ein Flirren im Ohr, und überlegt kurz, ob man „Hörschäden Konzert“ googeln soll. Als endlich die Band loslegt, sind die Beschwerden vergessen, man singt und springt forever-young-artig mit. Die Rechnung dafür bekommt man dann am nächsten Morgen präsentiert. Die Ohren rauschen, der Nacken ist verspannt, das Kreuz verrissen. Aber wissen Sie was? Es hat natürlich richtig Spaß gemacht. Begeistert erzählt man dann der Mama vom Konzert, und so alt kann man gar nicht sein, dass nicht die Mama besorgt fragt, ob man „dann so spät am Abend wohl eh ein Taxi heim genommen“ hat. Das Kind wiederum möchte beim nächsten Mal mit. Für Stehplätze bist du noch zu klein, dann müssen wir, sage ich und lege eine dramatische Pause ein, die mein großes Opfer unterstreichen soll, Sitzplatzkarten nehmen. Es ist nämlich so: Wer lieber sitzt als steht, ist nicht mehr jung. Oder hat ein Kind dabei. Beste Ausrede der Welt.

E-Mails an: mirjam.marits@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2019)

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