Die anderen wollen auch!

Jeder findet sein eigenes Kind natürlich besonders besonders.

Die Rutsche ist zum Rutschen da!
Die Rutsche ist zum Rutschen da!
Die Rutsche ist zum Rutschen da! – (c) imago stock&people

Und auch wenn natürlich kein Kind wie das andere ist, gibt es doch eine Sache, in der sie alle gleich sind: Egal ob Einzel- oder Geschwisterkind, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, ob groß gewachsen oder klein, alle lieben es, Rutschen nicht nur hinunterzurutschen, sondern insbesondere, auf der Rutschbahn auch wieder hinaufzuklettern. Also genau so, wie es von den erwachsenen Spielplatzplanern seit Generationen nicht vorgesehen ist. Besonders dann nicht, wenn oben auf der Rutsche schon andere Kinder aufs Hinunterrutschen warten.

Die Aufsichtspersonen, die in dieser „kletterndes versus rutschendes Kind“-Konstellation vor allem ein Problem sehen – einen ganz üblen Zusammenstoß zweier Kinderköpfe auf der Rutsche –, reagieren auf diesen kindlichen (und vermutlich irgendwie angeborenen) Drang des Wieder-hinauf-Müssens in der Regel gleich. Sie schimpfen vom Spielplatzrand aus (nur die Eltern der ganz kleinen Kinder eilen nervös herbei): Nimm die Leiter! Die Rutsche ist zum Rutschen da! Die anderen Kinder wollen rutschen! Ihr werdet euch noch wehtun! Die Kinder wiederum tun dann das, was schon Generationen an Kindern vor ihnen getan haben: Sie tun so, als ob sie nichts gehört hätten.

Ist das eigene Kind älter (ja fast schon zu alt für viele Spielplätze), beobachtet man die Eltern mit den kleineren Rutschkletter-Kindern mit einer gewissen Erleichterung. Gut, dass diese Phase vorbei ist. Oder auch die Trotzphase. Neulich habe ich einen verzweifelten Vater beobachtet, dessen vielleicht dreijähriges Mädchen sich weigerte weiterzugehen, während er (Klassiker: volle Einkaufstaschen links und rechts) heim wollte. Gutes Zureden? Nützt nichts. Versprechungen („Daheim darfst du fernschauen!“)? Sinnlos. Schimpfen? Führt zu Tränen, aber keinerlei Fortbewegung. Wenn Sie selbst kleine Kinder hatten oder haben, wissen Sie, was nun als letzter verzweifelter Versuch folgen muss, oder? Der Vater dreht sich um, geht los und ruft: „Dann bleibst du halt hier stehen und ich geh allein . . .“ Genau.

E-Mails an: mirjam.marits@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2019)

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