„Off the record“ und andere journalistische Spielregeln

Dieser Tage trugen sich im Europaparlament zwei Ereignisse zu, die unsere Arbeit als Korrespondenten erheblich zu schädigen drohen.

Dieser Tage trugen sich im Europaparlament zwei Ereignisse zu, die unsere Arbeit als Korrespondenten erheblich zu schädigen drohen. Am 5. Juni lud die neue Chefin der EU-Abgeordneten von Präsident Macrons Partei, Ex-Europaministerin Nathalie Loiseau, ein Dutzend französischer Korrespondenten zu einem Hintergrundgespräch. „Off the record“ bedeutet: was gesagt wird, darf nicht namentlich zugeordnet werden. An dieser Regel haben Politiker und Journalisten beiderseits Interesse. Erstere können Stimmungen und noch nicht ausformulierte Positionen testen. Zweitere bekommen ein Verständnis davon, was die Politiker wirklich denken, wenn sie sich nicht hinter Message Control verbergen. Loiseau zog in diesem Pressegespräch ordentlich vom Leder, nannte einige ältere Herren im Parlament „verbittert“ und Manfred Weber, den christdemokratischen Anwärter für das Amt des Kommissionschefs, ein „Ektoplasma.“ Warum wissen wir das? Weil einer der teilnehmenden Journalisten dem Kollegen des belgischen „Le Soir“ davon erzählte – und der die Zitate brühwarm kolportierte. Zwar löschte er seinen Onlineartikel kurz nach Veröffentlichung. Der Schaden war jedoch irreversibel. Loiseau gab ihre Kandidatur für die Vorsitzführung der europäischen Liberalen im Parlament auf, und man darf sicher sein, dass sie mit keinem Journalisten mehr ein offenes Wort wagen wird.

Wenige Tage später leistete sich die rechtsautoritäre Fraktion, welcher auch die FPÖ angehört, eine ganz anderer Ungehörigkeit: Bei der Pressekonferenz, an der ihre neue Führungsriege vorgestellt wurde, füllten Assistenten und Mitarbeiter die Sitzreihen der Journalisten und leisteten den eigenen Politikern kräftig Applaus. Eine Claque, die Journalisten verhöhnt und implizit bedroht? Schon voriges Jahr inszenierte Italiens Matteo Salvini, dessen Lega dieser Fraktion angehört, so etwas im Straßburger Pressesaal des Parlaments. Solches ist in einer Demokratie fehl am Platz – und, streng betrachtet, ein Anzeichen tiefer Unsicherheit.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2019)

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