To-do-Liste

Geht es Ihnen auch so, dass Sie an freien Tagen, die Gelegenheit böten, liegen gelassene Aufgaben zu erledigen, zum Prokrastinieren neigen?

(c) imago/blickwinkel (McPHOTO/M. Gann)

Geht es Ihnen auch so, dass Sie an freien Tagen, die Gelegenheit böten, liegen gelassene Aufgaben zu erledigen, zum Prokrastinieren neigen? Im Deutschen hat sich dafür als Begriff auch die Aufschieberitis etabliert, die so klingt, als könnte man sie mit einem Antibiotikum, einer Kuscheldecke und einer guten Serie in den Griff bekommen. Dabei ist das ja das Problem: Die Kuscheldecke und die Serie sind halt oft verlockender als die umzutopfende Palme im Wohnzimmer, die wiederum verlockender als der Kochtopf auf dem Herd, dessen Deckel man lieber nicht öffnen möchte, weil man dann daran erinnert würde, dass einem vor vier Tagen der Reis angebrannt ist (der gute Basmati!). Am wenigsten verlockend ist der Fahrradpatschen, der unten im Innenhof darauf wartet, dass ihn jemand pickt – nur müsste dieser Jemand halt erst einmal den Rahmen entstauben, den Reifen herunternehmen und überprüfen, ob der Patschen überhaupt noch pickbar ist oder ob gleich ein neuer Schlauch hermuss, und bis jener Jemand das alles erledigt hat, könnte er theoretisch 17 Kochtöpfe schrubben und vier Palmen umtopfen.

So macht man sich also innerlich eine To-do-Liste der Dinge, die man gerade nicht so gern tun will, aber eigentlich wirklich langsam tun sollte. Die Reihenfolge der Einträge entspricht einem so ausgeklügelten wie fluiden System: Was schnelle Befriedigung verschafft (trockene Blätter aus besagter Palme rupfen, für das übernächste Reiseziel recherchieren), rutscht nach oben; alles, wofür man Gummihandschuhe braucht, rutscht nach unten. Arbeiten, die mit einer Deadline verbunden sind, werden unter Zuhilfenahme eines Restzeit-Nervenkitzel-Koeffizienten in die Liste eingereiht. Dinge, die nach Komplettierung verlangen (halb gelöste Sudoku) haben höhere Priorität als Dinge, die in ihrer Nichterfüllung durchaus dekorativ sind (der ungelesene Bücherstapel auf dem Nachtkasten).

Glaubt man manchen Experten, ist das alles auch gar nicht so unvernünftig, wie es klingt: Wir prokrastinieren nicht, wir priorisieren! Ums Erledigen wird sich dann sicher auch noch jemand kümmern.

E-Mails an: katrin.nussmayr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2019)

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