Und was verbirgt sich in Ihrem Kühlschrank?

Die Rolle des Kühlschranks (genauer gesagt, dessen Befüllung) für das menschliche Zusammenleben wird zu wenig beachtet.

Anlässlich eines Fests, bei dem viel Essen überblieb, das spontan eingekühlt werden musste, entbrannte eine Diskussion darüber, was einem lieber sei: Ein knallvoller oder ein eher leerer Kühlschrank. Mittlere Füllung kommt offenbar nicht vor. Es könnte auch sein, dass die Menschen in meiner Umgebung zur Übertreibung (nach oben und unten) neigen.

Sein Kühlschrank sei ziemlich voll, erzählte einer, er sei meistens „übermotiviert“ beim Einkaufen. Danach fühle er sich vom Kühlschrank in Geiselhaft genommen. „Die Leerer-Kühlschrank-Leute sitzen alle draußen im Gastgarten.“ Er müsse stattdessen die mit Begeisterung ausgesuchten Lebensmittel verwerten und werde in Kochstress versetzt.

Ein anderer (drei Kinder) fühlt sich beunruhigt, wenn der Kühlschrank nicht überquillt: Zu jeder Tages- und vor allem Nachtzeit müsse für alle Geschmäcker Essbares vorhanden sein. Sie vermisse eine Art Grundordnung, erzählte eine Mutter: Da sie nach dem Tetris-Muster schlichten müsse („wo gerade noch etwas hineinpasst“), könne weder auf Temperaturzonen noch auf Zusammengehörigkeit geachtet werden.

Die Voller-Kühlschrank-Menschen vereint übrigens ein Gefühl: das Grauen, Essen verderben zu lassen, verbunden mit schlechtem Gewissen. Man wisse, dass sich hinten Schreckliches verberge, gesteht eine. Die Frage sei nur, wann man ihm auch ins Auge schaue. Was verdirbt, sagt übrigens auch etwas über die Befragten aus. Eine kleine Auswahl: Zitronen, Gurken, geöffnetes Joghurt. Als Höhepunkt des Horrors wird ein geplatztes Mozzarella-Packerl genannt.

Solche Geschichten bringen die mit leerem Kühlschrank zum Kopfschütteln. Sie mussten dann die Überreste mitnehmen und einkühlen und haben sich seltsamerweise gar nicht darüber gefreut.

E-Mails an: friederike.leibl@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2019)

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