Sport-Club: Die Zeit schafft Wunden

Keine Zuseher, keine Konkurrenz, kein Startschuss – und trotzdem macht sich im Bauch ein Kribbeln breit. Die Nervosität ist mit dem Schritt an die Startlinie der Laufbahn zurückgekehrt.

Die Zeit heilt also nicht nur Wunden. Sie schafft sie auch.
Die Zeit heilt also nicht nur Wunden. Sie schafft sie auch.
Die Zeit heilt also nicht nur Wunden. Sie schafft sie auch. – (c) Bilderbox

Wie früher. Damals, als Jugendliche, ging es bei den Wettkämpfen um Bestzeiten, Medaillen und Pokale. Heute, mehr als 15 Jahre später, geht es nur noch um die Beantwortung einer Frage: Was ist geblieben? Oder anders formuliert: Wie schnell kann ich heute die 800 Meter laufen?

Nicht so schnell wie gedacht. Das ließ sich schon nach den ersten hundert Metern sagen. Das ohnehin bereits mit einer Portion Realismus gewählte Anfangstempo war immer noch zu hoch. Schon die erste Runde auf der Laufbahn schien endlos. So begann ich mit dem Gedanken zu spielen, den Versuch nach 400 Metern abzubrechen. Ich müsste davon ja niemandem erzählen. Doch während ich mit mir selbst kämpfte, wurde der offenbar noch in mir schlummernde Ehrgeiz geweckt. Ich lief auch die zweite Runde. Dabei kehrte ein altbekanntes Gefühl zurück – eine Mischung aus Erschöpfung und Stolz. Man wandelt an der Leistungsgrenze. Das macht den Reiz der Mittelstrecke aus. Dieser lässt einen offenbar auch vergessen, dass man sich während des Laufens schwört, sich nie wieder so zu quälen. In der vorletzten Kurve stieg Hoffnung auf. Hier rückte die Zielgerade ins Blickfeld. Die letzten 200 Meter, dachte ich, werde ich auch noch irgendwie schaffen. Schritt für Schritt. Etwa 40 Meter vor dem Ziel fand ich überraschenderweise noch Kräfte für einen Schlusssprint. Dann erlöste mich die Ziellinie.

Schnell und tief schnaufend stand ich da und blickte auf die Uhr. Dass sie weit von der Bestzeit aus Jugendjahren entfernt sein würde, war klar. Doch auch die leise Hoffnung, um die drei Minuten zu laufen, wie bei den ersten Versuchen im Turnunterricht, hat sich nicht erfüllt. Die Uhr blieb bei 3:38 stehen. Die Zeit heilt also nicht nur Wunden. Sie schafft sie auch. (Davon, dass das nicht nur mit den ins Land gezogenen Jahren, sondern auch mit dem gesunkenen Trainingspensum zu tun haben könnte, muss ich ja niemandem erzählen.)

E-Mails an: julia.neuhauser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2019)

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