Der Kümmeltürke ist in Wirklichkeit Deutscher

Dass etwas getürkt ist, kommt nicht daher, dass Türken besonders kreativ im Fingieren wären.

Kümmelblüte
Kümmelblüte
Kümmelblüte – (c) imago/CHROMORANGE (CHROMORANGE / Weingartner)

Warum gibt es eigentlich die Redewendung, dass etwas getürkt ist, wenn von einer Manipulation die Rede ist? Nun, die Annahme, dass Türken besonders kreativ im Fingieren wären, steckt nicht dahinter. Eigentlich eher umgekehrt, wenn man einen möglichen Deutungsversuch betrachtet. So kursiert die Geschichte, dass 1895 bei der Eröffnung des Kaiser-Wilhelm-Kanals (heute Nord-Ostsee-Kanal) im Hafen von Kiel Vertreter aller seefahrenden Nationen zu einem Galadinner geladen waren. Sobald einer ankam, wurde die Nationalhymne des entsprechenden Landes gespielt. Doch als ein türkisches Schiff landete, stellte die Kapelle fest, dass man die Hymne nicht kannte – also spielte man, da auf der Flagge ein Halbmond zu sehen war, „Guter Mond, du gehst so stille“. Daraus soll sich die militärische Wendung „einen Türken bauen“ entwickelt haben.

Eine andere Erklärung rührt vom sogenannten Schachtürken her – einem Gerät, das im frühen 18. Jahrhundert für Aufsehen sorgte. Eine Puppe in türkischer Tracht spielte scheinbar von selbst und unter mechanischem Knarren gegen echte Gegner Schach. Allein, im Inneren verbarg sich keine Maschine, sondern ein professioneller Schachspieler. Und somit, liegt die Vermutung nahe, war der Automat eben getürkt.

Getürkt ist übrigens auch ein geläufiges Schimpfwort: Der Kümmeltürke kommt nämlich eigentlich aus dem heutigen Sachsen-Anhalt. Rund um Halle an der Saale wurde einst Kümmel angebaut. Angelehnt an den Orient, wo viele Gewürze herkamen, nannte man das Umland Kümmeltürkei. Und wer dort studierte, wurde Ende des 18. Jahrhunderts gern abwertend als Kümmeltürke bezeichnet. Erst später wurde das Schimpfwort auf türkische Gastarbeiter übertragen. Und dass das klar ist: Dass wir den Ursprung des Begriffs kennen, macht es nicht besser, wenn wir ihn verwenden.

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2019)

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