Der Geschmack von Kindheitserinnerungen

Im Sommer hatte man meist eine süße Hauptnahrungsquelle. Glaubte ich zumindest.

Österreichische Kindheit muss picksüß schmecken, zumindest wenn man den Erzählungen meiner heimischen Bekannten lauscht. Die beiden Hauptnahrungsquellen scheinen in vergangenen Sommern Dreh und Trink und Twinni gewesen zu sein, wie nostalgisch erklärt wird. Bei Glaubenskriegen in der Frage, welche Farbe nun die bessere ist, halte ich mich lieber raus: Man soll ja nicht über Dinge schreiben, von denen man keine Ahnung hat.

In Italien hingegen schmeckt die Jugend nach Weinlikörcreme, wie ich bei meinem letzten Besuch feststellen musste. Das hängt allerdings nicht mit einem mutmaßlichen früheren Alkoholkonsum in dem Land zusammen. Sondern mit dem Eis, das wie eine Art süßes Sandwich aus Keksen und Creme besteht und so gern von Kindern verspeist wird. Ich glaubte, mich noch aus meiner Jugend zu erinnern, dass die Geschmacksrichtung Haselnuss ist. Es ist aber Zabaione – also eine Nachspeise aus Eiern, Zucker und likörartigem Marsalawein.

Die Kindheit schmeckt aber auch nach Brot. Eine beliebte Tischgepflogenheit ist die Scarpetta, also das Schühchen. Nach dem Pastaessen werden die letzten Sugoreste am Teller mit einem Stück Gebäck aufgesaugt, um ja nichts zu verschwenden. Warum es für diesen Vorgang nicht auch eine deutschsprachige Bezeichnung gibt, wollte ich letztens wissen. „In Österreich gibt es nie genug Sauce auf den Nudeln.“

Und dann mussten wir noch einen kulturellen Unterschied feststellen: Calimero, in der deutschsprachigen Version das „Küken aus Palermo“, hat in der italienischen Version gar keine regionale Zuschreibung und wurde eigentlich mit einer Waschmittelwerbung geboren. Ich hoffe, jetzt keine Kindheitserinnerung von Ihnen zerstört zu haben.

E-Mails an: iris.bonavida@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2019)

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