Weiß der Geier, was „Weiß der Geier“ eigentlich bedeutet

Sparen Sie sich die Krokodilstränen, zum Kuckuck! Aber ja, Krokodile haben wirklich Tränendrüsen.

(c) REUTERS (Regis Duvignau)

Weiß der Geier, was Menschen dazu veranlasst, einen Satz mit „Weiß der Geier“ zu beginnen. Aber gut, gehen wir dieser ornithologischen Redewendung einmal nach. Der Name des aasfressenden Raubvogels kommt jedenfalls vom althochdeutschen gīr, das vom Adjektiv für gierig oder begehrend gebildet wurde. Die Wurzelform ghī wiederum hat die Bedeutung gähnen, klaffen oder offenstehen. Der Name Geier lässt sich also quasi verstehen als einer, der das Maul aufsperrt. Die abwertende Redewendung, dass sich Menschen wie die Geier auf etwas stürzen, ist also mit der Gier und Zügellosigkeit erklärbar, die den Raubvögeln mit dem aufgesperrten Maul zugeschrieben werden. Aber weiß der Geier? Nun, das kommt daher, dass die Menschen früher aus Aberglauben vermieden, beim Fluchen den Namen des Teufels auszusprechen. Also bediente man sich bei dem als unsympathisch geltenden Aasfresser. „Hol's der Geier“ spricht also eigentlich den Beelzebub an. So wie übrigens auch „weiß der Kuckuck“, denn dieser wurde im Mittelalter ebenfalls gern stellvertretend für den Teufel eingesetzt. Aber gut, soll den Kuckuck doch der Geier holen, oder umgekehrt.

Wenn wir schon beim Tierischen sind: Sehr gern wird auch die Redewendung eingesetzt, dass jemand Krokodilstränen weint – ohne zu wissen, ob und wann Krokodile überhaupt weinen. Nun, ja, das machen sie. Allerdings nicht aus Mitgefühl, sondern wohl aus anatomischen Gründen. Wenn das Tier seine Beute verschlingt, schießen ihm oft Tränen in die Augen – weil es dabei so heftig schnauft, dass die Luft durch die Nasenhöhlen in die Tränendrüsen dringt und diese zum Entleeren bringt. Davon leitet sich die Wendung mit den Krokodilstränen für Heuchelei ab. Ob das Krokodil beim Fressen nicht trotzdem traurig ist, das kann der Geier übrigens nicht erahnen. Das weiß nur das Krokodil.

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2019)

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