Heute schon Geschichte geschrieben?

Wie man berühmt wird – für die Dauer der Lektüre einer Gedenktafel. Ein Besuch in der Praterstraße.

„Historisch“? Patrick-Wilhelm-Tegetimm-Tafel, Praterstraße.
„Historisch“? Patrick-Wilhelm-Tegetimm-Tafel, Praterstraße.
„Historisch“? Patrick-Wilhelm-Tegetimm-Tafel, Praterstraße. – (c) Wolfgang Freitag

Mit der Berühmtheit hat's seine ganz eigene Bewandtnis. In Zeiten, denen bald einmal eine Lokalposse als „historisch“ gilt und jedes Dutzendereignis dem medialen Vernehmen nach „Geschichte schreibt“, tun wir uns von Tag zu Tag schwerer, das tatsächlich Bedeutsame von der Lappalie, das Wichtige vom Nichtigen zu trennen. Ganz abgesehen von der Erfahrung, dies wie jenes unterliege ohnehin allerlei Einschätzungswandlungen im Lauf der Jahre.

Folglich sind wir aufs Erste gar nicht so verwundert, an einer Hotelfassade in der Praterstraße 72 eine Tafel zu entdecken, die an den Besuch eines völlig Unbekannten erinnert: Ein gewisser Patrick Wilhelm Tegetimm sei hier im Juni 2018 abgestiegen, heißt es da. Patrick Wilhelm Tegetimm? Wer, bitte, hätte je etwas von ihm gehört?

Gewiss, auch die beiden anderen Herren, derer an nämlicher Fassade im Gedenktafelformat gedacht wird, werden nicht jedermann und jederfrau auf eins, zwei in allen Facetten ihrer Verdienste geläufig sein. Max Steiner immerhin darf für sich ein gewisses Maß an – zumindest passiver – Popularität in Anspruch nehmen: als Filmkomponist gemeingütlicher Streifen wie „Casablanca“, „Vom Winde verweht“ oder „King Kong“. Den Maler und Dichter Stanisław Wyspiański dagegen halbwegs präzis einordnen zu können, braucht's schon einiges an Polenexpertise oder zumindest einen Besuch der entsprechenden Gedenkstätten seiner Geburtsstadt, Krakau.

Und Patrick Wilhelm Tegetimm? Nun ja, den gibt's gar nicht und hat es nie gegeben: Kunstfigur eines aus Hamburg gebürtigen Patrick Timm, erfunden im Rahmen seiner künstlerischen Interventionen auf den Spuren von Admiral Tegetthoff. Renommee kraft Gedenktafelei. Soll vorkommen, nicht nur in der Praterstraße 72.

E-Mails an: wolfgang.freitag@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2019)

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