Was passiert, wenn das Netz ausfällt

Kein Kaffee, keine Eiswürfel, keine Orientierung.

Angenommen, Sie befinden sich in einem Ferienhaus auf einer griechischen Insel. Der Strom ist ausgefallen, im ganzen Ort. Es wird mehrere Stunden dauern, bis der Schaden behoben wird, meldet ein Mann, der im Schritttempo durch die Gässchen fährt und die Einwohner per Auto-Lautsprecher informiert. Welcher Gedanke Ihnen nun als Erstes durch den Kopf schießt, sagt viel über Ihr Alter, auf jeden Fall aber etwas über Ihr Leben aus. Zur Auswahl stehen: „Oh Gott, kein Kaffee zum Frühstück“ oder „Hilfe, der Kühlschrank taut ab“ und „Im Ernst jetzt, kein W-Lan?“ (Zusatz von zumeist Minderjährigen: „Mein Leben ist zu Ende.“).

Das Netz beherrscht den Urlaub mehr, als man es zugeben möchte. Für die Kinder ein Quell unschätzbaren Wissens, sie können nun unter anderem Filme schneiden, Flaschenverschlüsse mit einer Fußbewegung öffnen und die Marken von Turnschuhen aus mehreren hundert Metern erkennen. Weiters ist der Austausch mit Klassenkollegen darüber, wer wie lange aufbleibt, wichtig für das Empörungsrepertoire.

„Gib endlich das Handy weg“, fordern die Erwachsenen, die selbst noch schnell die letzten Urlaubsfotos hochgeladen haben. So können all ihre Kontakte auf „WhatsApp“ unter dem Motto „Mein Urlaub für alle“ Sonnenuntergänge, Drinks, prachtvolle Blüten und selbstverständlich auch das absolvierte Kulturprogramm miterleben, täglich neu.

„Das ist voll insta“, sagen die Jugendlichen, als man nach einer Überlandsfahrt an einem der schönsten Strände der Welt eintrifft. So großartig, dass man es auf Instagram posten sollte, heißt das. So ein Pech, kein Netz hier. Das bedeutet aber auch, dass die Autofahrer ihrem Gefühl und nicht der Navi-Stimme aus dem Handy folgen müssen. Endlich kann wieder gestritten werden, wer hier die Orientierung hat. Diese analoge Konfliktkultur hatte man schon fast verlernt.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2019)

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