Der faule Sommer soll ewig dauern

Wer den Sommer vor dem Herbst beendet, kann die Wolle kaum erwarten.

Kennst du dieses Gefühl, wenn man sich darauf freut, wieder einen Pullover anzuziehen?“, fragt der Kollege, während er als Mittagessen eine Riesenportion Müsli isst, was bereits exzentrische Anklänge hat. Nein, kenne ich nicht. August, das ist noch Sommer pur, Kleider, nackte Beine, offene Fenster, lange Abende, und es ist schön so. „Ich würde gern ein bisschen frösteln“, wirft ein anderer ein, abends, wenn er vor dem Haus im Garten sitzt. Das Fröstelglück bleibt für den Rest der Runde nicht nur mangels Haus und Garten eher rätselhaft.

Gern ein bisschen frieren, das ist doch so wie gern knapp den Bus verpassen, weil die Wartezeit auf den nächsten so etwas wie geschenkte Zeit ist. Das muss man können, das ist eine Lebenseinstellung. Den Urlaub nicht als fast vorbei zu empfinden, wenn er noch ein paar Tage lang ist, aber auch den Sommer nicht vor dem Herbst zu beenden. Und doch wird er bald fallen, dieser verbotene Satz, den manche kaum erwarten können: „Es herbstelt schon.“

Aber bevor die Wollsachen aus dem Kasten geholt werden, können wir noch Urlaubsgeschichten austauschen, die zeigen, wie viele Wege zur Erholung führen. Die eine war Tausende Kilometer unterwegs und birst vor Lebensfreude und Ideen. Die andere reduzierte ihren Radius auf ihr Badetuch im Sand und verlor sich in der Lektüre. Wer daheim geblieben ist, hatte weder mit gaunerhaften Autovermietern noch mit Bettwanzen zu kämpfen, allerdings kam der Alltag öfter dazwischen.

„Irgendetwas ist immer kaputt“, erzählt ein Freund, der „viele Bücher, viele Wanderungen, viel schreiben“ vorhatte. Stattdessen? Das ganz normale Leben, der Steuerberater, der tropfende Wasserhahn, die abblätternden Fensterläden. Das alles erledigt die Neigungsgruppe „Fauler Sommer“ im Herbst. Vielleicht.

E-Mails an:friederike.leibl-buerger@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2019)

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