Nicht im Stehen, nicht im Gehen, nicht aus dem Papier

Die Frage nach dem Lieblingsessen war schon schwierig, bevor der Wahlkampf das Schnitzel und das Salatblatt zum Gesprächsthema machte. Essen ist politisch, ob es nun um Kebap oder Schweinsbraten, Schulessen oder vergoldete Steaks geht.

Seit viele Menschen ihr Essen fotografieren und posten, stehen auch Restaurants vor ganz anderen Herausforderungen. Früher hätten seine Gäste den Geschmack seiner Speisen kommentiert, nun das Aussehen, hat ein befreundeter Wirt unlängst erzählt. „Und wenn sie endlich essen, ist alles kalt.“ Manchmal werde das Bestellte auch gar nicht angerührt. Das kränkt den Koch, aber der Auslastung tut es trotzdem gut.

Bei der Speisenauswahl geht es aber nicht nur ums Aussehen, sondern auch um die Aussage, die damit getroffen wird. Nur zur Erinnerung: Die Avocado hat ihre Unschuld längst verloren. Und Diskussionen über Fleischkonsum haben schon beste Freunde zum Schreien gebracht. Nicht nur die Kinder zucken zusammen, wenn ihnen auf Kreta ein geschmortes „Zicklein“ angepriesen wird, gefolgt vom Hasen. Diese traditionellen Gerichte werden auch selten gepostet.

Nun aber, die Frage nach dem Lieblingsessen, ganz aus dem Bauch heraus, ohne vorher abzuwägen, wie es ankommt. Kaum einer schafft es, sie spontan und eindeutig zu beantworten. Essen ist untrennbar mit den äußeren und inneren Zuständen verbunden. Es hat mit wann und wo und mit wem zu tun. Ob man Trost sucht oder eine Belohnung, einfach Stärkung oder ein besonderes Erlebnis.

Manchmal gibt es nichts Schöneres, als schnell etwas „aus dem Papierl“ zu essen. Dabei fällt einem immer die Oma ein, die gesagt hat, dass man das nicht tut, außer beim Fleischhauer, wenn er dem Kind ein Radl Extrawurst anbot. Wenn sie gewusst hätte, wo und wie nun überall gegessen wird (außer in der U-Bahn) und dass zwischen den Buchstaben auf meiner Tastatur Brösel stecken, sie hätte sich nicht gefreut.

E-Mails an:friederike.leibl-buerger@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2019)

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