Ode an das Älterwerden

Auf runde Geburtstage wird gern viel Verantwortung geladen. Warum eigentlich?

Der Dreißiger ist so etwas wie der große Bruder des 18. Geburtstags, in den die Familie all ihre Hoffnung und Erwartungen steckt. Endlich kann auf einen runden Geburtstag jegliche Verantwortung geladen werden. Davor wird der erste Schritt in die Volljährigkeit von älteren Außenstehenden eher müde belächelt. Auto zu fahren und zu wählen ist in Österreich sowieso schon erlaubt, nur kann man jetzt mit hartem Alkohol darauf anstoßen. Und der Zwanziger folgt zu schnell, um viel von ihm zu verlangen. Aber dann, zehn Jahre später, steigen die Erwartungen.

Zunächst nur für das Event an sich: Es muss ein Fest geben, und es muss ein ganz besonders großes sein. Dann aber auch auf das Leben der feiernden Person: Immerhin finden sich ganze Listen, die man vor dem Geburtstag abhaken sollte. Jetzt wird man dann nämlich wirklich alt, bekommt man zu hören, während die weißen Haare auf dem Kopf schon gezählt werden, und hat man eh schon an eine Familie und den Ernst des Lebens gedacht? Um das Ganze mit der Frage zu beenden, ob man nicht nervös ist, weil nun ein Dreier vorn steht.

Wenn man in der privilegierten Position ist, Glück im Leben gehabt zu haben, gibt es dabei gar keinen Grund, sich unter Druck setzen zu lassen. Denn die Zwanziger sind die eigentlich stressige Zeit, in der man einen Karriereweg auswählt und dann auch beschreitet und sich zurechtfinden muss. Im Lauf des Lebens hat man genug Sicherheit und Verantwortung für sich selbst aufgebaut, aber noch nicht so viel, um sie auch mit einer gewissen Leichtigkeit zu tragen.

Noch viel besser und entspannter soll der Fünfziger werden, erzählt man in der Redaktion. Dann habe man das größte Selbstbewusstsein und die meiste Ruhe, um ohne Druck anzustoßen. Mit oder ohne harten Alkohol.

E-Mails an: iris.bonavida@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2019)

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