Kobaltblau und Kirschrot, Himmelblau und Hellgrün

Warum man nie genug Buntstifte haben kann und Kunststoffhüllen das Leben glätten.

Im riesigen Papierfachgeschäft überkommt mich jenes kleine Glück, das die Freundin in Supermärkten verspürt, wo es mehr Joghurtsorten gibt, als man sich ausdenken kann. Ihre Schwäche für Geschmacksvielfalt entspricht meiner für Buntstiftfarben: Wir halten bei 52 Nuancen, aber da geht immer noch was.

Die Jugend in mittelgroßen niederösterreichischen Städten hat uns beide geprägt, da gab es erstens wenig Auswahl, und zweitens durfte beim Einkaufen nichts angegriffen werden, weder Kleidung noch Schallplatten, und schon gar keine Kugelschreiber. (Mit Kuli durfte man ohnehin nicht schreiben, das verdarb die Handschrift und war ähnlich verboten wie sich selbst Entschuldigungen zu schreiben, aber dafür gab es in der Schule ein Raucherkammerl.)

Stifte auszuprobieren, vielleicht sogar mehrere, den Mechanismus von verschiedenen Mappen zu prüfen – undenkbar war das damals in den strengen Geschäften, wo die Budel das Stoppschild war und die Schätze einzeln aus Pappkartons geholt wurden.

Während der Erledigungsstress zu Schulbeginn viele nervt, zählen diese Besorgungen für uns Kinder der 80er daher zu den heimlichen Highlights des Jahres, bei denen man sich ein wenig Überschwang erlaubt, Permanent Marker in allen Stärken und Farben etwa (kann man immer brauchen) oder Leuchtstifte in Pastell.

Ebenso unerlässlich sind gelochte Kunststoffhüllen (die starken, nicht die gleich zerknautschten), in denen jeder armselige Zettel souverän wirkt und mit denen der Besitzer einer derart mondän ausgestatteten Mappe das Gefühl hat, er habe alles im Griff. Auf sehr viel Plastik im Alltag kann man verzichten, auf die Strohhalme, die Flaschen, die Verpackungen, aber nicht auf diese Hüllen, alles wird glatt und ordentlich, und manchmal kommt es doch nur auf die Oberfläche an.

E-Mails an:friederike.leibl-buerger@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2019)

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