Die Illusion des originellen Geistesblitzes

Jede Wortmeldung nützt sich mit ihrem ständigen Gebrauch ein wenig ab.

Illusion originellen Geistesblitzes
Illusion originellen Geistesblitzes
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Vor allem bei jenen armen Menschen, die sie zum hundertsten Mal zu hören bekommen. Wird man etwa bereits vom zweiundzwanzigsten Kollegen darauf angesprochen, dass man einen Kaffeefleck auf dem Hemd hat, ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem der Neuigkeitswert gegen unter null tendiert. Auch die Frage, ob man verreist, wenn ein Koffer neben dem Schreibtisch steht, ist spätestens nach dem zehnten Durchlauf nur mehr mäßig spannend zu beantworten. Noch schlimmer wird es, wenn sich die Wortmeldung als Scherz versucht. Stellen wir uns etwa einen Menschen namens Seltenreich vor, der auf jedem Amt und in jeder Vorstellungsrunde zu hören bekommt: „Selten reich, immer arm! Haha!“

Gut nachvollziehbar, dass jener arme Mensch bei jeder Nennung seines Namens schon zähneknirschend auf das ewig gleiche Wortspiel wartet. Und darauf, dass sich der Wortwitzakrobat ganz sicher ist, als erster Mensch auf der Welt diesen Genieblitz gehabt zu haben. Ähnlich ergeht es jenen zahllosen Kellnern, die bei den ewig gleichen Sprüchen der Gäste („Jeder muss an etwas glauben! Ich glaube, ich möchte noch ein Bier! Haha!“) auch noch höflich lächeln müssen. Jenen Köchinnen, die nach dem Familienessen regelmäßig den Running Gag zu hören bekommen: „War gar nicht mal so gut! Haha!“ Jenen Verkäufern, denen nach Abwicklung des Verkaufs schwungvoll verkündet wird: „Die Firma dankt! Haha!“ So ziemlich jeder Berufstätige, der im häufigen Kundenkontakt steht, hat unser aller Mitgefühl verdient. Aber nicht nur sie – es erwischt auch andere. Denn auch als Erich wird man von besonders lustigen männlichen Zeitgenossen immer wieder mit einem alten Kalauer begrüßt: „Schwuler Name! Vorne er, hinten ich!“ Genau. Haha.

 

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2010)

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