Ein Türke für die Neustiftgasse

Irgendwo in der Bipolarität zwischen dem allumfassenden Supermarkt und dem auf eine einzige Produktgruppe spezialisierten Einzelhandelsunternehmen gibt es ihn.

Tuerke fuer Neustiftgasse
Tuerke fuer Neustiftgasse
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Den Shop, der heute jenen Platz einnimmt, den früher der – mittlerweile weitgehend ausgestorbene – Greißler eingenommen hat. Zu erkennen ist er vor allem am sprachlichen Umgang mit ihm. Denn egal, was man bei ihm erstehen möchte, ob Obst, Wurst, Gebäck oder Süßigkeiten – man wird das immer „beim Türken“ machen. Man fragt nicht, ob man dem Arbeitskollegen etwas vom Bäcker, vom Fleischhauer oder aus dem Gemüseladen mitnehmen soll, sondern vermittelt mit der Herkunftsbezeichnung des Ladenbesitzers gleich das gesamte Sortiment mit: „Brauchst du etwas vom Türken?“

Ein Türke in der Nachbarschaft stillt die latent vorhandene Sehnsucht nach dem Gemischtwarenladen, wie man ihn heute sonst kaum mehr findet. Und abgesehen davon scheinen dort Ladenöffnungszeiten völlig außer Kraft gesetzt. Was – alle rechtlichen oder moralischen Fragen in Richtung Sonntagsöffnung, Ausbeutung von Mitarbeitern und dergleichen einmal hintangestellt – auch den immensen Vorteil hat, dass man zu so gut wie jeder Zeit das bekommt, was in der Küche gerade nicht vorrätig ist. Ja, das ist ein persönliches Outing als Spontaneinkäufer, der vor dem Samstag keinen Plan macht, wie man über das Wochenende über die Runden kommt. Allerdings: Das Privileg, einen Türken in nächster Nähe verfügbar zu haben, hat man nicht überall. Und spätabends wegen eines Fladenbrots und einer Packung Ziegenkäse bis zum Brunnenmarkt fahren zu müssen, entspricht nicht dem Naturell des Spontaneinkäufers. Daher eine kleine Bitte: Könnte nicht irgendwo Ecke Neustiftgasse/Kirchengasse ein Türke aufsperren? Teşekkür ederim!

 

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2011)

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