Der Jugend ist das österreichische Deutsch powidl

Die junge Generation verwendet zu einem Drittel bundesdeutsche Bezeichnungen. Typisch österreichische Ausdrücke werden wenn, dann nur mündlich verwendet. Auch Präpositionen ändern sich.

Jugend oesterreichische Deutsch powidl
Jugend oesterreichische Deutsch powidl
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Am Freitag fraß sie sich durch fünf Apfelsinen. Aber satt war sie noch immer nicht“, steht im Kinderbuch „Die kleine Raupe Nimmersatt“. Wenn Österreicher ihren Kindern vorlesen, sagen sie nicht „Apfelsinen“, sondern „Orangen“. Peter Wiesinger, emeritierter Professor der Sprachwissenschaft der Uni Wien warnt davor, dass die Übersetzungen von Kinderbüchern mit ein Grund sind, warum die österreichische Variante des Hochdeutsch immer weiter zurückgedrängt wird: „Sogar Kinderbücher, die in Österreich hergestellt werden, verwenden bundesdeutsche Ausdrücke. Auch das Kinderfernsehen, das man in Österreich empfangen kann, wird großteils in Deutschland produziert.“ Wiesinger macht die „globalisierte Umwelt“ dafür verantwortlich, dass die junge Generation den Unterschied zwischen Norddeutsch und Süddeutsch, zu dem das Österreichische zählt, immer weniger bewusst erlebt. Um die Schriftsprache der heimischen jungen Leute zu erkunden, hat er nun erstsemestrige Germanistik-Studenten befragt, welche Ausdrücke sie verwenden.

„Das österreichische Deutsch wird als eine Variante der Schriftsprache verstanden“, sagt Wiesinger: „Dialekte gibt es freilich überall, die sollten hier nicht überprüft werden, die fließen in die Umgangssprache ein. Aber die Schriftsprache ist in Österreich einheitlich, und nicht alles, was man mündlich verwendet, schreibt man auch.“ Und tatsächlich zeigte die Auswertung der Fragebögen, dass im Schnitt ein Drittel der Befragten bundesdeutsche Varianten statt der österreichischen verwendet. So war etwa ein Bild zu sehen, auf dem ein Mann Stiegen hinaufgeht. Daneben stand: „Was tut dieser Mann?“ Viele schrieben „Er geht die Treppen hinauf“, das „hinauf“ ist österreichisch. Doch ein Drittel der Teilnehmer nannte das Wort „Treppe“ statt Stiege. Nur wenige nutzten die bundesdeutsche Variante doppelt und schrieben „Er geht die Treppe hoch“. Weiters nannte etwa ein Drittel der Befragten einen Buben einen „Jungen“, den Aufzug „Fahrstuhl“ und die Schulnote „eine Eins“ statt „einen Einser“.

Weniger eingebürgert scheint dafür die deutsche „Kasse“ statt der österreichischen „Kassa“, und der Ausdruck „Marille“ ist bisher gar nicht „gefährdet“. „Aber die Präpositionen ändern sich“, sagt Wiesinger. So schwindet das österreichische „Sie kommen auf Besuch“ und weicht dem norddeutschen „zu Besuch“. Auch in „Ich habe auf deinen Geburtstag vergessen“ fällt das „auf“ immer öfter weg. „Man merkt, dass den Menschen der Dialekt als Korrektiv fehlt“, sagt Wiesinger. „Im Dialekt geht man ,auf Besuch‘. Doch gerade im städtischen Bereich, allen voran in Wien, geht der Dialekt bei jungen Leuten verloren.“ Genau deswegen befragte Wiesinger die Studierenden: Um den Sprachwandel aufzuzeigen, in „der Generation, die auch in 20 Jahren noch diese Ausdrücke verwendet“.

Eine ähnliche Studie lieferte Oldřich Břenek von der Palacký-Universität im tschechischen Olmütz: Im Rahmen seines PhD-Abschlusses in Germanistik befragte er 103Teilnehmer aus ganz Österreich aus unterschiedlichen sozialen Schichten, welche Ausdrücke sie schriftlich verwenden und welche mündlich. Seine Liste umfasste 80 Wortpaare wie „Powidl – Pflaumenmus“, „Eierschwammerl – Pfifferlinge“ oder „Krügerl – Bierglas“ etc.: Viele stammen aus der Liste des „Protokolls Nr.10“, das beim EU-Beitritt Österreichs bekannt wurde („Über die Verwendung spezifisch österreichischer Ausdrücke der deutschen Sprache im Rahmen der Europäischen Union“), einige fügte Břenek selbst hinzu, da ihm Ausdrücke wie Bim, Fiaker und Trafik als Austriazismen aufgefallen waren.

„Es gibt Ausdrücke, die sowohl die junge als auch die ältere Generation in der Alltagskommunikation stark verwendet: Marillen, Kipferl, Schlagobers, Trafik, Stiegenhaus oder Lokal“, so Břenek. Doch Wörter wie Erdäpfel, Kukuruz, Paradeiser oder Stamperl werden von der jungen Generation nur mehr mündlich verwendet, während ältere Teilnehmer dies noch als Schriftsprache angeben.

Die Wahl der Bezeichnungen war auch vom Bundesland abhängig: „In Wien werden viele österreichische Ausdrücke in der mündlichen und schriftlichen Kommunikation verwendet. Hier tauchen sogar Wörter auf, die in anderen Bundesländern gar nicht gebraucht werden, wie Paradeiser oder Eiskasten.“ Vorarlberger hingegen bevorzugen in vielen Fällen bundesdeutsche Ausdrücke wie Mais, Blumenkohl, Abendbrot, Pilz oder Schlagsahne. Teilnehmer mit Universitätsabschluss tendieren im Gegensatz zu jenen mit einem weniger hohen Abschluss eher zum mündlichen Gebrauch und würden Wörter wie Hendl, Bim, Kasten oder Stamperl nicht schriftlich verwenden.


Sprachliche Unsicherheit. „Man müsste schon in der Schule den Leuten bewusst machen, welche Ausdrücke österreichisch sind: Es wird zwar das ,Österreichische Wörterbuch‘ verteilt, aber kein Lehrplan sieht das österreichische Deutsch als Thema vor“, sagt Peter Wiesinger. Viele seien sprachlich unsicher und wählen zur Vorsicht die bundesdeutsche Variante: „Quasi, weil sie meinen, die Deutschen reden besser als wir.“ Mit dem Unterschied zwischen Deutschland und Österreich hat sich auch Klaus Geyer vom Institut für Sprache und Kommunikation der Universität Odense in Dänemark beschäftigt. Der gebürtige Nürnberger hat den österreichischen Erfolgsfilm „Indien“ analysiert, und zwar die DVD, die in Deutschland auf dem Markt ist. „Da steht drauf: ,Österreichische Originalfassung mit teilweise hochdeutschen Untertiteln‘“, sagt Geyer. „Doch es ist unheimlich wenig untertitelt, insgesamt maximal drei Minuten.“

Einige Austriazismen werden übersetzt: „bochen“ als „gebacken und paniert“, „leiwand“ als „super“. Doch die Wörter werden nur beim ersten Mal untertitelt, danach sollte der Seher es gelernt haben. „Manchmal steht dabei, welches Wort übersetzt wird. Sonst scheint einfach die Übersetzung auf, dann muss man selbst herausfinden, welches gesprochene Wort gemeint ist.“ Geyer testete den Film an norddeutschen Kollegen: „Die Untertitel halfen nicht viel“. Er schließt daraus, dass diese Art der Untertitelung in derselben Sprache nur dazu dient, das Regionale, das Österreichische auf dem deutschen Markt zu betonen. „Es ist zu unsystematisch, um dem Verständnis zu dienen“, so Geyer. Ähnlich wurde kürzlich der TV-Film „Der Aufschneider“ mit Josef Hader im deutschen Fernsehen gesendet: Auch hier waren nur einzelne Ausdrücke in hochdeutscher Übersetzung angezeigt. „Vom wissenschaftlichen Standpunkt sind das keine guten intralingualen Untertitel bzw. müsste man intervarietätlich sagen, es betrifft ja zwei unterschiedliche Varietäten des Deutschen“, sagt Geyer.

Über die Begriffe Varietät, Dialekt oder Standardsprache hat auch Břenek die Österreicher befragt: Nur 15 Prozent sehen ihre Muttersprache als Dialekt, 63 Prozent kreuzten an, dass „österreichisches Deutsch kein Dialekt ist“. Zweitere konnten noch genauer die heimische Sprache einschätzen: Die meisten (23%) beschrieben diese als „Standardsprache in Österreich, österreichisches Deutsch“ und 15 Prozent als „Varietät des Deutschen“. „Das zeigt doch ein hohes Sprachbewusstsein der Österreicher“, sagt Břenek.

Österreichisches Deutsch ist
eine Varietät (sprachliche Besonderheit) der hochdeutschen Schriftsprache.

Standardsprache ist jene, die geografisch am weitesten akzeptiert wird. Das „Österreichische Wörterbuch“ wird an heimischen Schulen in der 41. Auflage genutzt.

Als Austriazismen bezeichnet man den Wortschatz, der im restlichen Sprachgebiet als typisch österreichisch wahrgenommen wird. 23 Begriffe wie Erdäpfel, Eierschwammerl, Ribisel oder Powidl wurden beim EU-Beitritt Österreichs im Protokoll Nr. 10 festgehalten, die parallel zu den deutschen Bezeichnungen zu verwenden sind. Es gibt weit über 500 Austriazismen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2012)

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