Kampusch-Entführung: FBI rollt Fall neu auf

Spektakuläre Wende. Am Freitag fällt der Startschuss für die größte Cold-Case-Überprüfung, die es in Österreich je gab: Ein internationales Steering Committee durchleuchtet die Entführung von Natascha Kampusch.

KampuschEntfuehrung rollt Fall
KampuschEntfuehrung rollt Fall
(c) EPA (Mak Remissa)

[WIEN] Knalleffekt im Entführungsfall „Natascha Kampusch“: Ein international hochkarätig besetztes Steering Committee, also ein Steuerungs- und Lenkungsausschuss, wird eingesetzt, um den Jahrhundertfall noch einmal komplett neu zu analysieren. Diesem siebenköpfigen Gremium gehört ein ranghoher Vertreter der US-Bundes-Ermittlungsbehörde FBI (Federal Bureau of Investigation) an. Bereits fixiert ist auch die Mitwirkung des Präsidenten des renommierten deutschen Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke.

Für die operative Tätigkeit, nämlich die Evaluierung bzw. Überprüfung aller bisher geführten Ermittlungen zur Kampusch-Entführung, wird ein mit mindestens 14 Mitgliedern besetztes „Projektteam“ eingesetzt. Mitglieder dieses Teams sind: hohe Beamte des Innen- und Justizministeriums (ebensolche sitzen auch im übergeordneten Steering Committee), ein Vertreter des Verfassungsschutzes, ein Staatsanwalt der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft, mehrere Kripobeamte – und mindestens ein Vertreter des FBI und des deutschen BKA. Bei den Teammitgliedern aus den Vereinigten Staaten bzw. Deutschland handelt es sich durchwegs um Cold-Case-Spezialisten, also um Ermittler, die länger zurückliegende Kriminalfälle noch einmal aus „unvoreingenommener“ Außensicht unter die Lupe nehmen.

Operation bis Ende 2012

Die gesamte Operation soll bis Ende Dezember laufen. Danach wird entschieden, ob die offizielle Ein-Täter-These verworfen werden muss. Bisher gilt der nach der Flucht von Natascha Kampusch durch Suizid umgekommene Wolfgang Priklopil als einziger Täter. Sollten sich aber im Rahmen des Cold-Case-Managements neue Verdachtsmomente ergeben, müssten diese von österreichischen Behörden im Rahmen eines neuen Ermittlungsverfahrens geklärt werden. Dafür bräuchte es aber einen staatsanwaltlichen Auftrag. Zuletzt wurde die Kooperation zwischen Polizei und Staatsanwaltschaft als – gelinde gesagt – verbesserungswürdig eingestuft.


Den Anstoß zu dieser neuerlichen Überprüfung des Falles haben Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) und Justizministerin Beatrix Karl (ÖVP) gemeinsam gegeben. In einem Schreiben, das am Freitag den zuständigen Abteilungen in beiden Ministerien offiziell zugeht, erteilen die Ressortleiterinnen einen entsprechenden „Auftrag“ an ihre Beamten. Damit entsprechen die beiden Ressorts auch der Empfehlung eines parlamentarischen Unterausschusses, der – wie berichtet – eine neuerliche Evaluierung des Falles empfohlen hat.

„Die Einbindung des FBI und des deutschen Bundeskriminalamtes ist für uns keine Frage der Kompetenz, sondern eine Frage der Transparenz“, erklärte Mikl-Leitner am Donnerstag vorab auf „Presse“-Anfrage. Justizministerin Karl schloss sich dem an, sie sagte: „Wir haben unsere Experten für diese neuerliche Überprüfung zur Verfügung gestellt und wollen damit auch aufzeigen, dass wir nichts zu verbergen haben.“ Bis zuletzt setzte es Kritik an den bisherigen Ermittlungen. Zuletzt hatte der parlamentarische Unterausschuss ein bitteres Resümee gezogen, in einem Kommuniqué heißt es: „Die Ermittlungen im Fall Kampusch sind, neben offensichtlichen Ermittlungsfehlern, dadurch gekennzeichnet, dass Ermittlungsschritte unterlassen worden sind, die unter Umständen zu einer umfassenderen Klärung des Falles hätten beitragen können.“ Zur Frage, ob die Ein-Täter-Theorie haltbar sei, bleibt der Unterausschuss jedoch vage: Ob Entführer Wolfgang Priklopil „Helfer oder Mitwisser hatte, welche auch nicht mit Frau Kampusch in Kontakt gekommen sein müssen“, könne „aufgrund des Todes von Priklopil und der vorliegenden Ermittlungsergebnisse nicht abschließend beantwortet werden“.

Staatsanwaltschaften wehren sich

Zuletzt kamen auch geharnischte Vorwürfe seitens der Staatsanwaltschaften Wien und Innsbruck (in Wien wurde der Fall Kampusch ermittelt, in Innsbruck wurde ein Amtsmissbrauchsverfahren gegen Kampusch-Staatsanwälte geführt – und eingestellt): Der Unterausschuss übe Pauschalkritik, zeige keine konkreten Versäumnisse der Anklagebehörden auf.

Auch werde übersehen, dass die ursprünglichen Kampusch-Erhebungen im Jahr 2006 (Kampusch-Flucht: August 2006, Ende der ersten Ermittlungen: November 2006) nicht auf Geheiß der Anklage, sondern laut alter Strafprozessordnung auf Basis des polizeilichen Abschlussberichts endeten.

Auf einen Blick

Fall wird neu aufgerollt. Mithilfe der US-amerikanischen Bundesermittlungsbehörde FBI und des deutschen Bundeskriminalamtes werden nun alle bisher in Österreich geführten Ermittlungen zur Entführung von Natascha Kampusch noch einmal unter die Lupe genommen. Bis Ende Dezember sollen die Resultate dieser Überprüfung vorliegen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2012)

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