Justiz zu Estibaliz C.: „Schauderhaft“

Die Staatsanwaltschaft legt Meidlinger Eissalonbesitzerin zweifachen Mord zur Last. Sie soll ihre ehemaligen Partner erschossen und zerstückelt haben. Ihr Motiv sei Unzufriedenheit mit ihren Beziehungen gewesen.

(c) APA/POLICIADISTATO UDINE (POLICIADISTATO UDINE)

Wien. „Kaltblütig“, „skrupellos“ „schauderhaft“: Die Staatsanwaltschaft Wien greift in ihrer Anklageschrift gegen die Eissalonbesitzerin Estibaliz C., die derzeit in Untersuchungshaft sitzt, tief in den Jargon grauenerregender Krimis. Das 21-seitige Dokument, in dem die Behörde der spanisch-mexikanischen Frau zweifachen Mord vorwirft, überlässt nur wenig der Fantasie.

Detailliert beschreibt die Staatsanwaltschaft da, wie C., die heute ihren 34. Geburtstag feiert, sich im November 2007 von Holger H. scheiden ließ – und wie sie ihn, als er sechs Monate später noch immer keinen neuen Job gefunden hatte und noch immer in der gemeinsamen Wohnung lebte, mit zwei Schüssen in den Hinterkopf getötet haben soll. Wie sie nach der mutmaßlichen Tat „erleichtert“ zur Arbeit in ihren Eissalon ging, wo weder ihre Angestellten noch ihr neuer Lebensgefährte irgendetwas bemerkten.

Genauso erörtert die Behörde im Detail, wie C. 2010 Manfred H. umgebracht haben soll: Dieser, damals ihr Lebensgefährte, soll C., die sich sehnlichst eine stabile Familie wünschte, vor ihren Augen mit mehreren Frauen betrogen haben – was C. „trotz ihrer eigenen sexuellen Kontakte zu anderen Männern“, wie es in der Anklage heißt, verärgerte.

So sehr, dass sie H. im November 2010 im Schlaf erschossen haben soll – nur wenige Stunden, nachdem das Paar noch „in entspannter Atmosphäre“ zusammen mit einem Freund bei einer Punschhütte gestanden war.

Am grausigsten wird die Schilderung des Tathergangs jedoch bei der Beschreibung, wie Estibaliz C. mutmaßlich die Leichen ihrer Verflossenen verschwinden lassen wollte: Fast eine Woche lang soll die Leiche des ersten Opfers in C.s Wohnung gelegen haben, als sie sich mit einer neu gekauften Kettensäge daranmachte, sie zu zerlegen – um die Teile dann über mehrere Tage verteilt in Wannen und einer Tiefkühltruhe im Keller unter ihrem Eissalon in Wien-Meidling einzubetonieren. Ähnlich soll C. bei der zweiten Leiche vorgegangen sein – nur dass sie diesmal „aufgrund der Erfahrungen mit dem ersten Leichnam“, so die Anklage, schon vorbereitet war: Zum Beispiel soll sich C. im Vorfeld ihrer Tat im Baustoffhandel ausführlich über die Eigenschaften verschiedener Betonarten informiert haben.

Einbetoniert in dem Keller wurden die Leichenteile im Vorjahr bei Bauarbeiten gefunden. C. flüchtete in der Folge nach Italien, wo sie festgenommen wurde und die Taten gestand. Für sie gilt die Unschuldsvermutung.

 

Gestört, aber zurechnungsfähig

Als Motiv macht die Staatsanwaltschaft einerseits die Unzufriedenheit C.s mit ihren Beziehungen zu den Opfern aus. Andererseits lege das Verhalten C.s nahe, dass ihr „Motiv bei beiden Morden zumindest auch finanzielle Aspekte umfasste“, so die Anklageschrift.

Zusätzlich zu einer Haft wegen zweifachen Mordes beantragt die Staatsanwaltschaft auch die Einweisung C.s in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. Denn einem Gutachten von Psychologin Adelheid Kastner zufolge liege bei der 33-Jährigen eine „ausgeprägte Persönlichkeitsstörung“ vor, die keine Unzurechnungsfähigkeit bedinge, aber die Gefahr weiterer Straftaten aufwerfe, wenn C. wieder auf freien Fuß komme.

Konkret heißt es in der Anklage, in C.s „Persönlichkeitsstruktur zentral ist die fehlende innere Stabilität, der fehlende innere Halt, der die Wertigkeit ihrer Person ausschließlich an [. . .] Bestätigung anderer festmacht, und der [. . .] ein Durchsetzen eigener Wünsche gegen eine nahe Bezugsperson als derart bedrohlich erscheinen lässt, dass die Tötung eines anderen die weniger ängstigende Lösung darstellt“.

Seit März ist C. (Verteidiger: Rudolf Mayer) wieder in einer Partnerschaft: Sie hat während ihrer U-Haft den Vater ihres ebenfalls in Haft geborenen Kindes – sie war bei ihrer Festnahme im zweiten Monat schwanger – geheiratet. Ihr Sohn Roland, geboren am 11. Jänner, lebt derzeit bei C.s Eltern in Barcelona.

Der Prozess vor einem Geschworenengericht, den Richterin Susanne Lehr leiten wird, dürfte bereits im kommenden November stattfinden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2012)

Kommentar zu Artikel:

Justiz zu Estibaliz C.: „Schauderhaft“

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen