Warum die Kärntner (ganz langsam) aussterben

Bis 2060 wird Kärnten fast jeden zehnten Einwohner verlieren. Schon heute zeigt eine Reihe von Kennzahlen, dass hohe Berge und tiefe Seen vielen Bürgern nicht reichen, um in Wohlstand leben zu können.

(c) ORF (Tourismusverband Villach-Warmbad)

Innerhalb und außerhalb seiner Grenzen ist Kärnten als das Land der Seen bekannt. Dass davon selbst Mitglieder der Tourismusbranche nicht automatisch gut leben können, zeigt die Bevölkerungsprognose der Statistik Austria: Bis 2030 wird Österreichs südlichstes Bundesland (als einziges) an Einwohnern verlieren, um zwei Prozent. Der ganz große Dämpfer ist für die Jahre danach vorhergesagt: Treffen die Berechnungen zu, muss Kärnten bis 2060 mit einem Bevölkerungsrückgang von 8,5 Prozent rechnen (siehe Grafik).

(C) DiePresse

Die eigentlichen Probleme, denen sich das Land aufgrund dieses Bevölkerungsschwundes wird stellen müssen, liegen in Details. Während die Gesamtzahl sinkt, wird das Heer der Menschen über 65 deutlich anwachsen, nämlich um satte 61Prozent auf 173.604 Personen. Jene, die im Erwerbsleben stehen (20 bis 65 Jahre), werden gleichzeitig weniger, und zwar um Viertel (252.186). Trotz tiefer Seen, trotz hoher Berge. Warum eigentlich?

Echte Städte fehlen. Die Republik wächst. Bis 2030 auf genau neun, bis 2060 auf 9,4 Mio. Einwohner (wie in einem Großteil der Mittwochsausgabe berichtet). Auffallend ist, dass sich das Wachstum fast ausschließlich auf die urbanen Ballungsräume konzentriert. Strukturschwache, ländliche Regionen verlieren überall (Ausnahme: Vorarlberg) an Attraktivität. Das ist kein österreichisches, sondern ein weltweites Phänomen. Anders als in anderen Bundesländern sind die Ballungszentren in Kärnten (Klagenfurt, Villach) jedoch vergleichsweise klein, ihre Anziehungskraft über die Landesgrenzen hinweg eher bescheiden. Sie können das Minus vom Land nicht mehr ausgleichen. Um maximal zehn Prozent wird die Bevölkerung in Klagenfurt und Villach in den nächsten 50 Jahren steigen. Die Zentren in und rund um Wien, Graz, Linz und das Rheintal glänzen mit Zuwächsen von 20, 30 und mehr Prozent.

Bildungs- und Arbeitsmarkt.Wer in Kärnten etwas werden will, muss weg. Das geflügelte Wort unter Schülern gilt zwar nicht immer, aber immer öfter. Die Abwanderung zielstrebiger junger Menschen in andere Bundesländer ist enorm. Knapp 3000 Schüler schließen jährlich mit der Reifeprüfung (Matura) ab. Laut einer Berechnung der Fachhochschule (FH) Kärnten verlassen davon „mindestens 1500“, also die Hälfte, ihr Heimatland. Die meisten davon, um zu studieren. Die vergleichsweise kleine Universität Klagenfurt verfügt auf einigen Fachgebieten durchaus über einen guten Ruf, kann jedoch nur mit einem vergleichsweise schmalen Angebot aufwarten.

Nach abgeschlossener Ausbildung sind die Aussichten nicht viel besser. Zwar liegt die Arbeitslosenquote in Kärnten mit 3,5Prozent im heimischen Mittelfeld, allerdings sei dazugesagt, dass nicht alle, die keine Arbeit haben, auch arbeitslos sind. Zum Beispiel Frauen. Die Erwerbsquote in Kärnten beträgt schmale 70,4Prozent. Nur Wien (67,8) ist schlechter.

Wirtschaft schwächelt. Häufiger Auslöser für Wanderungen innerhalb Österreichs oder der EU, wo das ja praktisch ohne Einschränkung möglich ist, sind die wirtschaftlichen Perspektiven des Einzelnen. In Kärnten sind diese schlechter als anderswo. Bis auf den Chiphersteller Infineon sowie einen Nebenstandort der Strabag gibt es kaum Betriebe mit internationaler Strahlkraft. Die Forschungsquote gemessen am BIP liegt mit 2,46Prozent deutlich hinter den Spitzenreitern Steiermark (4,32) und Wien (3,54).

Gleichzeitig entwickelte sich die Haupteinnahmequelle, der Tourismus, vergleichsweise katastrophal. Während die ohnehin starken Länder Tirol und Salzburg in den vergangenen 15 Jahren bei Nächtigungen über zehn Prozent zulegten, brach der Markt in Kärnten seit 1997 um fast fünf Prozent ein. Wien und die Steiermark sind drauf und dran, Kärnten die Position drei unter den Tourismushochburgen streitig zu machen.

Teurer Alltag. In einer intakten Natur lässt es sich gut leben. Doch das schönste Umfeld nützt nichts, wenn das tägliche Leben – trotz Arbeit – immer schwerer oder teurer wird. Das BIP pro Kopf beträgt 27.400 Euro (Wien: 42.600). Hinzu kommt, dass man in Kärnten für sein Geld besonders wenig bekommt. Beim Kaufkraftindex (Bundesschnitt: 100) belegt das Land mit 94,5 Punkten den letzten Platz. Und das alles vor dem Hintergrund einer ungewissen Zukunft. Die Ära Haider (bzw. seiner Nachfolger) hinterließ den Bürgern mit 3183 Euro pro Kopf die höchste Verschuldung aller Länder.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2012)

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