Marica Bodrožić: „Fliehen verändert nichts“

Die kroatisch-deutsche Autorin Marica Bodrožić sprach mit der „Presse“ über vielsprachige Träume und den kroatischen Hang zum Apokalyptischen.

Marica Bodrozic by Jens Oellermann / Luchterhandverlag
Marica Bodrozic by Jens Oellermann / Luchterhandverlag
Marica Bodrozic – Luchterhand Verlag

Die Presse: Wir sind hier in Frankfurt, in der Nähe jenes Orts im Taunus, in den Sie mit zehn Jahren immigriert sind. Haben Sie heimatliche Gefühle?

Marica Bodrožić: Ja. Es ist natürlich ein großer landschaftlicher Unterschied zu Dalmatien, zu dem kleinen Dorf im Hinterland, in dem ich aufgewachsen bin. Aber ich fühle mich mit dieser Region verbunden. Ich denke da vor allem an die hessischen Streuobstwiesen, die im Herbst von betörender Schönheit sind.

In Ihre ursprüngliche Heimat fahren Sie wie eine normale Touristin?

Es fühlt sich für mich nie so an, weil ich immer in meinen dalmatinischen Dialekt zurückfalle. Wenn ich dort bin, dann nicht nur physisch, sondern auch metaphysisch. Außerdem kann ich dann zwanglos wild mit den Händen reden, das empfindet in Dalmatien niemand als überschwänglich.

Ihre Bücher haben mit Identitätskrisen zu tun. In Ihrem neuen Roman treffen Gestrandete in Paris aufeinander. Frankreich ist eine selbstbewusste Nation. Wie geht es einer Identitätssuchenden in einer Gesellschaft mit ausgeprägter Identität?

Die Figuren in meinem Buch sind alle stark auf ihre Vergangenheit fokussiert. Zugleich ist da das Neue, verlockend, die „Grande Nation“, die sie umgibt, dieses feste Gefüge einer sicheren Identität. Das führt zu einer gewissen Reibung.

Ihre Figur Arjeta verliebt sich in den scheinbar selbstbewussten Arik. Weil er auf andere Weise ein Verlorener ist?

Der ist wichtig, weil er zeigt, dass diese scheinbare Sicherheit zu Staub zerfällt. Er hat alles, was ein Mensch besitzen kann, und läuft sich doch ständig selbst davon. Man muss scheitern, wenn man sich nicht selbst begegnet. Was die Immigranten von Arik unterscheidet, ist, dass sie darin radikal sind, ohne Angst. Deshalb bringt ihn Arjeta in Schwierigkeiten: Weil sie beständig da ist, muss er sich auch in ihr sehen.

Sie sprechen ja nicht nur Kroatisch und Deutsch, sondern auch fließend Englisch und Französisch. In welcher Sprache träumen Sie eigentlich?

Auf Deutsch – wenn ich nicht länger in irgendeiner anderen Sprache spreche. Wenn ich demnächst zwei Monate in Amerika sein werde, dann werden sich mit Sicherheit die englischen Wörter, vor allem die Adjektive, nach vorne schieben. Ich bin dafür wahnsinnig empfänglich, auch für Dialekte.

Das haben Sie mit Arjeta gemeinsam, nicht wahr?

Was ich mit ihr teile, das ist der metaphysische Moment, wenn sich nicht nur alle Sprachen auflösen, sondern wirklich alles – und dann kommt die Frage: Was bleibt vom Menschsein, wenn wir uns loslösen von allen Dingen, die uns beeinflussen? Das Verlockende ist das Neue: der Beginn! Man kann als Mensch nicht immer die ganze Last der Vergangenheit mit sich tragen. Was mich interessiert, ist die Vorstellung, dass das Sehen die Dinge ändert. Sehen heißt ändern. Das heißt: bleiben. Flucht verändert nichts, sie treibt in die Angst, ins Alte.

Apropos Last der Vergangenheit: Sie waren sieben Jahre alt, als Tito gestorben ist. Haben Sie noch eine Erinnerung an ihn?

Ja, schon, an diese ganzen kommunistischen Inszenierungen. Ich war ja auch Pionierin. In dieser kleinen Pionierwelt lernte ich zu sagen: Tod dem Faschismus, Freiheit dem Volk. Ich glaubte als Kind an die Wahrhaftigkeit dieser Aussagen. Zugleich war Jesus mein Vorbild.

Ist für Sie der Zerfall Jugoslawiens unausweichlich gewesen?

Nein, eigentlich nicht. Ich glaube, man hätte die Chance gehabt, Dinge zu transformieren. Was wir jetzt in Europa haben, das war ja im Kern in Jugoslawien schon da: unterschiedliche Kulturen, Sprachen, Mentalitäten.

Nächstes Jahr tritt Kroatien nun der EU bei. Was bedeutet das für Sie?

Vor ein paar Tagen habe ich zu einer Freundin im Spaß gesagt: Die Kroaten haben ein Talent, sich allem und jedem an die Seite zu werfen, das gerade dabei ist, unterzugehen. Sie haben einen Hang zum Apokalyptischen. Aber natürlich gehört Kroatien zu Europa dazu. Kulturell ist das absolut stimmig.

Zur Person

Marica Bodrožić ist 1973 in Dalmatien geboren. 1983 holten ihre Eltern sie nach Deutschland. Für ihre Gedichte, Romane, Erzählungen und Essays erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien. In all ihren Büchern geht es um verlorene und gewonnene Identitäten, um Migration und Zugehörigkeit. Traum und Wirklichkeit vermischen sich dabei oft. Soeben erschien ihr Roman „Kirschholz und alte Gefühle“ im Luchterhand-Verlag.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)

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