Prozessauftakt: Estibaliz C. bekennt sich schuldig

Die 34-jährige Spanierin soll zwei Männer erschossen, zerstückelt und einbetoniert haben. Seit heute steht sie in Wien vor Gericht.

Prozessauftakt Estibaliz bekennt sich
Prozessauftakt Estibaliz bekennt sich
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Im Wiener Straflandesgericht ist am Montag unter regem Publikumsinteresse der Prozess gegen die mutmaßliche Doppel-Mörderin Estibaliz C. eröffnet worden. Die 34-jährige Frau soll zunächst ihren Ehemann und später ihren Liebhaber erschossen, zerstückelt und im Keller ihres Eisgeschäfts in Wien-Meidling einbetoniert haben. Estibaliz C. legte zu Beginn ihrer Einvernahme vor dem Schwurgericht (Vorsitz: Susanne Lehr) ein Geständnis ab. Sie bekenne sich "zu den Tötungen schuldig", sagte die 34-Jährige. Staatsanwältin und Verteidigung zeichnen in ihren Eröffnungs-Statements ein unterschiedliches Bild der Angeklagten.

Chronologie

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Der Große Schwurgerichtssaal, in dem sich die in Mexiko geborene Angeklagte mit mexikanisch-spanischer Doppel-Staatsbürgerschaft in den nächsten vier Tagen zu verantworten haben wird, war bis auf den letzten Platz gefüllt. Auch die Galerie war geöffnet worden, um den zahlreichen Kiebitzen Sitzgelegenheiten zu bieten.

"Lassen Sie sich nicht täuschen"

Staatsanwältin Petra Freh beschrieb die Angeklagte in ihrem Eröffnungsvortrag als "einzigartige Persönlichkeit". Das sei es neben dem Medienecho, was die Verhandlung eben nicht zu einem Mordverfahren wie jedes andere mache. "Fest steht, dass die Angeklagte zwei Gesichter hat", so Freh. Estibaliz C. werde versuchen, das Bild der lieben braven Frau zu präsentieren, die "niemals in der Lage ist, so etwas noch einmal zu tun". Mit so etwas meinte die Anklägerin die beiden Morde an den Lebensgefährten der 34-Jährigen.

Ihre eigene Aufgabe, so sagte Freh, sei es, das andere Gesicht der 34-Jährigen zu zeigen: das einer "eiskalten, brandgefährlichen Frau". Es folgte ein Appell an die Geschworenen: "Lassen sie sich nicht täuschen: Behalten sie während der Verhandlung immer im Hinterkopf, dass die Angeklagte schon zweimal in der Lage war, das zu tun!" Die 34-Jährige sei "eine tickende Zeitbombe".

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Verteidiger rügt Staatsanwältin

Als tendenziös und unvollständig hat Verteidiger Rudolf Mayer das Eröffnungsplädoyer der Staatsanwältin  kritisiert. Die Anklägerin habe "absichtlich nicht gesagt, was wirklich vorgegangen ist", meinte Mayer in seiner Replik. Estibaliz C. sei "ein schwer gestörter Mensch, der sich nicht ausgesucht hat, gestört zu sein".

Die Anklägerin habe verschwiegen, dass der Mann der Angeklagten (das erste Mordopfer) ein jähzorniger, "gemeiner" Mann gewesen sei, so Mayer unter Bezug auf die Angaben einer früheren Partnerin des Deutschen. Diese - immerhin eine Polizistin - habe sich aus Angst vor ihm sogar einmal in ein Zimmer eingeschlossen.

Vor dem gewaltsamen Ende des Deutschen sei es entgegen der Darstellung der Anklage zu einem Streit mit Estibaliz C. gekommen, erklärte Mayer. Ähnlich sei es später bei Manfred H. gewesen, wo es zu einer verbalen Auseinandersetzung wegen dessen Untreue gekommen sei. Der Mann habe seiner Mandantin an den Kopf geworfen, dass sie sich mit seinem Verhalten "arrangieren" müsse, weil er ansonsten "die Lust" verliere.

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Angeklagte erzählt von schwieriger Kindheit

Vor Gericht erzählte Estibaliz C. ihre Geschichte. Sie habe unter ihrem Vater eine schwierige Kindheit verbracht, gab sie zu Protokoll: "Man durfte keinen Lärm machen. Man sollte nicht existieren, nicht auffallen." Die Atmosphäre zuhause sei "sehr angespannt" gewesen. Ihre Beziehungen mit Männern sind schwierig verlaufen. Ihr erster Freund ignorierte ihren Kinderwunsch. Estibaliz B. zog nach Deutschland, weil sie wusste, dass er ihr nicht folgen würde. Schon damals hätte Sie Mordgedanken gehabt.

Ihren Mann späteren - das erste Mordopfer - lernte sie in Deutschland kennen. Dieser hätte sich nach der Hochzeit stark verändert. Er habe sie beschimpft, körperlich misshandelt und nichts zur schwierigen finanziellen Situation des Paares beigetragen.

"Ich war hilflos"

In Wien machten die beiden einen Eissalon auf. Die Probleme wirkten sich auch in beruflicher Perspektive aus: "Alles wofür ich gekämpft habe, hat er versucht zu sabotieren. Und ich war hilflos", sagte die 34-Jährige. Hoffnung keimte allerdings auf, als er sagte, er gehe. Eine Hoffnung, die für die Angeklagte aber nur bis zum letzten Sonntag im April 2008 dauern sollte.

Es habe eine große Diskussion an jenem Sonntag gegeben, sagte Estibaliz C. Ihr Ex-Mann habe gesagt, er gehe doch nicht, er bleibe über den Sommer - oder noch länger. "Er hat mich mit einer Leichtigkeit abgespeist, hat nur gesagt, ich soll die Goschen halten." Sie habe die Pistole aus dem Regal genommen und geschossen. An die Schussanzahl konnte sie sich nicht erinnern.  "Ich dachte nie, dass ich imstande war, daraus Realität zu machen. Jeder hat Fantasien, Gedanken", erklärte Estibaliz C. Die Leiche verstaute sie im Lagerraum des Eissalons.

Unter Tränen erzählte die Angeklagte, wie sie schließlich auf die Idee gekommen sei, den bereits verwesenden Holger Holz mit einer Kettensäge zu zerstückeln und die Teile in die Tiefkühltruhe zu befördern. "Die Tage danach habe ich geputzt und geputzt." Weil das Lager aufgelöst werden musste, fing sie an, die Leichenteile in den Keller zu bringen und sie in Beton zu gießen.

"Wie in einem Plastiksackerl"

Am Ende der Beziehung zu ihrem zweiten Opfer, Manfred H., habe sie sich "wie in einem Gefängnis" gefühlt, stellte Estibaliz C. fest. Sie sei sich "wie mit einem Plastiksackerl über dem Kopf" vorgekommen: "In dem Moment müssen Sie raus aus dem Plastiksackerl".

Konkreter Anlass, neuerlich zur Pistole zu greifen, war nach Darstellung der 34-Jährigen ein Streitgespräch, das sie mit dem 48-jährigen Eismaschinen-Vertreter nach einem geselligen abendlichen Beisammensein bei einer Punschhütte im Museumsquartier führte. Hinterberger soll dort mit einer anderen Frau geflirtet haben. Als sie ihn zuhause deswegen zur reden stellen wollte, sei Manfred zunächst laut geworden und dann einfach zu Bett gegangen.

"Ich war so wütend"

"Er hat sich zur Wand gedreht und zum Schnarchen angefangen. Der hat sich einfach umgedreht und für ihn war das erledigt. Ich war so wütend. Ich hatte die Pistole unter der Matratze. Ich habe sie rausgenommen, repetiert und geschossen", erzählte die Angeklagte.

Das Einbetonieren mithilfe der eine Woche vorher gekauften Utensilien bewerkstelligte Estibaliz C. im Eissalon, wobei ihr aus Spanien angereister Bruder half, die Gefäße in den Keller zu schaffen, ohne zu wissen, was sich darin befand.

Ihr neuer Mann, den sie nur kurz nach ihrem zweiten Mord kennengelernt hatte, sei anders als die anderen Männer. "Er würde mich nie in so eine Situation bringen".    Grundsätzlich könne sie zwar "nicht versprechen", dass gegen missliebige Menschen "solche Gedanken" (gemeint: Tötungsfantasien, Anm.) wiederkommen. "Aber bevor ich über jemanden Unheil bringe, hänge ich mich auf", bemerkte Estibaliz C.

(APA/Red.)

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