Die größten Irrtümer über die Jugend von heute

Das Institut für Jugendkulturforschung hat die Thematik "Jugend und Zukunft" analysiert und dabei einige Irrtümer widerlegt. Die Familie wird wichtiger, Jugendliche sind aber weder konservativ noch pessimistisch.

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Symbolbild – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Sie sind egoistisch, konservativ, schwelgen im Retrotrend, wünschen sich die gute (?) alte Zeit zurück und interessieren sich weder für Politik noch für ihre Nachbarn – für ihr Handy hingegen sehr. So oder so ähnlich lauten die gängigen Vorurteile über Jugendliche. Das Institut für Jugendkulturforschung hat aktuelle Daten, etwa die Jugend-Wertestudie 2011, über heimische Jugendliche (14- bis 29-Jährige) unter dem Aspekt „Jugend und Zukunft“ analysiert und ist jetzt dabei auf interessante Entdeckungen gestoßen. Fünf Irrtümer.

1 Jugendliche werden konservativer und schätzen Tradition.

Es stimmt zwar, dass Familien für Jugendliche immer wichtiger werden, konservativ – wie es ihnen oft nachgesagt wird – sind heimische Jugendliche deshalb noch lange nicht. „Traditionen spielen für sie kaum eine Rolle, auch wenn in den letzten Jahren immer wieder Stimmen laut werden, die eine Retraditionalisierung der Gegenwartsjugend proklamieren“, meint Philipp Ikrath, Geschäftsführer des Instituts für Jugendkulturforschung in seiner Analyse „Geteilte Sorgen trotz gespaltener Möglichkeiten“. Das liegt einerseits daran, dass Jugendliche heute weitgehend ideologiefrei sind, sprich mit Kategorien wie konservativ oder links nur wenig anfangen können. Anderseits macht das auch der moderne Familienbegriff der Jugendlichen abseits der traditionellen Bilder deutlich.

2 Jugendliche isolieren sich immer mehr und leben in ihrer Welt.

Natürlich wird auch für Jugendliche Individualität wichtiger, was sie aber nicht davon abhält, Familie und Freunde mehr zu schätzen – mehr als noch vor 20 Jahren. Das macht ein Vergleich mit den Jugend-Wertestudien 1990, 2000, 2011 deutlich. Heute betrachten 82Prozent der Befragten die Familie als „sehr wichtig“, 1990 und 2000 waren es knapp 70Prozent. „Eine Aufwertung der Familie impliziert meist eine Abwertung alternativer Lebensformen, das ist bei den Jugendlichen nicht der Fall“, so Ikrath. Er führt den Bedeutungszuwachs der Familie einerseits darauf zurück, dass außerhalb der Familie die Anforderungen steigen, andererseits handle es sich um eine „Aufwertung knapper Güter“.

3 Jugendliche interessieren sich nicht für ihr Umfeld.


Das Bild der gleichgültigen Jugendlichen, die sich nicht für ihr Umfeld interessieren, stimmt nur bedingt. „Sie betreiben kein gesellschaftspolitisches Engagement unter einer ideologischen Flagge. Jugendliche leisten lieber in ihrem eigenen sozialen Umfeld Hilfe, etwa indem sie Alten über die Straße helfen“, so Ikrath. Auf die Frage, ob das nicht eine Behübschung beziehungsweise ohnehin eine Selbstverständlichkeit sein sollte, meint der Soziologe: „Eigentlich schon, aber wenn man die Gesellschaft als eine unsolidarische versteht, ist das schon sehr selbstlos.“ Jugendliche konzentrieren sich also auf ihr persönliches soziales Umfeld. Die Welt verbessern wollen Jugendliche heute längst nicht mehr, auch Rebellion sucht man bei ihnen vergeblich. Dafür wurden drei Gründe ausgemacht: Das Gefühl, ohnehin nichts ändern zu können, sich nicht vereinnahmen lassen zu wollen und die Schwierigkeiten im eigenen, unsicheren Leben. Ikrath: „Protest ist Luxus und eine Sache der urbanen, gebildeten Mittelschicht.“

4 Jugendliche denken kaum an die Zukunft, und wenn, dann negativ.

Auch wenn Jugendliche heute, angesichts der sich immer rascher verändernden Gesellschaft, verstärkt in der Gegenwart leben, denken sie auch an die Zukunft – und zwar positiv, allerdings nur an die eigene. 64 Prozent sehen die persönliche Zukunft zuversichtlich, aber lediglich 22 Prozent betrachten die gesellschaftliche Zukunft als zuversichtlich. Ikrath interpretiert darin einen gewissen Zweckoptimismus. Zusammenhänge zwischen Gesellschaft und dem eigenen Leben können oder wollen nicht gesehen werden. „Es fällt ihnen schwer, über den eigenen Tellerrand zu blicken.“

5 Jugendliche haben keine gesellschaftlich relevanten Werte mehr.

Im Gegenteil. Erstmals in der Geschichte geben die Jungen die Werte vor. Während früher noch Lebenserfahrung und Weisheit – auch im Berufsleben – wichtige Werte waren, setzt man heute auf Flexibilität, Belastbarkeit und Individualität. „Das wird in jeder Stellenausschreibung gefordert. Jugendliche haben die kulturelle Meinungsführerschaft übernommen.“ Diesen Wertewandel führt er auf die Geschwindigkeit zurück, mit der sich Wissen, etwa in Technologie und Forschung, verändert. Da kommen Junge einfach schneller mit.

Auf einen Blick

Jugend und Zukunft ist das Thema einer Analyse des Instituts für Jugendkulturforschung, bei der anhand aktueller Daten, etwa der Jugend-Wertestudie 2011, die Erwartungen junger Menschen (zwischen 14 und 29 Jahren) analysiert wurden. Resümee: Familie und das soziale Umfeld werden wichtiger, konservativ sind Jugendliche nicht, an die eigene Zukunft wird geglaubt, aber nicht an die gesellschaftliche.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2013)

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