Die vielen Gesichter der Donau

Nicht alle Wiener haben eine komplizierte Beziehung zur Donau und dem Donaukanal. Im Gegenteil: In vielen Biografien spielen der Fluss und seine Arme eine bedeutende Rolle.

THEMENBILD: WIEN-WAHL / STADTPORTRAeT WIEN / ALTE DONAU
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APA/HERBERT PFARRHOFER

Otto Wagner: Wien-Gestalter

Ja, Otto Wagner ist in Wien allgegenwärtig. Aber auch rund um die Donau bzw. den Donaukanal hat der Architekt seine Spuren hinterlassen. Im Rahmen der Regulierung der Donau (1875) sowie des Donaukanals (1898) wurde beschlossen, dass der Kanal aktiv genutzt werden sollte: um Hochwasser zu verhindern, um die Abwässer zu regulieren. Auch eine Stadtbahn sollte entstehen. In allen Fällen kam Otto Wagner zum Zug. Er hat die Nussdorfer Wehranlage gebaut (siehe auch Porträt Kurt Zemsauer) – dort, wo sich Donau und Donaukanal spalten. Und direkt am Kanal, in der Oberen Donaustraße 26, Höhe Schottenring, hat der Architekt das Schützenhaus gebaut.
Es war ein Depot für jene Schützen – also Platten –, die für die Schleuse zur Regulierung des Wasserstandes verwendet wurden. Im Schützenhaus befindet sich heute übrigens ein Restaurant; zuvor fristete es ein eher trauriges Dasein als verlassenes Haus. Die belebten Kais als Elemente einer Großstadt hat Wagner ebenfalls aufgegriffen, besonders nachdem klar wurde, dass die neu zu errichtende Stadtbahn am Donaukanal nicht in Hochlage, sondern ebenerdig sein würde (heute werden Teile der alten Stadtbahn als U4 und U6 bzw. S-Bahn 45 geführt). Als Wagner das Konzept für die Stadtbahn erstellte, ließ er die Bahn mit „Schaueffekten“ versehen. Die Passagiere konnten also auf den Donaukanal blicken. Fast ein bisschen wie die heutige U4-Strecke vom Schwedenplatz Richtung Schottenring, wo die Sicht auf den Kanal frei ist. Hier fährt die U-Bahn übrigens über die Zollamtsbrücke, die Wagner ebenfalls gebaut hat. 

Kurt Zemsauer: Schleusenwart

Durchaus lohnend, ein Besuch bei Kurt Zemsauer. Die Arbeitsstelle des Schleusenwarts liegt genau an der Verzweigung der Donau und des Donaukanals (Donaukilometer 1934), und zwar in der Nussdorfer Wehr- und Schleusenanlage. Otto-Wagner-Freunden wird sofort die Schemerlbrücke mit den zwei Löwen auffallen, die der Architekt erbaut hat – wie auch das dahinterliegende Verwaltungsgebäude. In der Nussdorfer Wehr wird reguliert, wie viel Wasser von der Donau in den Kanal fließt (kontrolliert wird es seit rund acht Jahren vom Kraftwerk Freudenau). Schließlich liegt der Fluss vier Meter höher als der Kanal, der wiederum durchschnittlich 2,5 bis 3 Meter tief ist, wie Zemsauer erzählt. Bevor das Wasser in den Donaukanal fließt, wird es hier von Schmutz befreit. Im Winter wird hier auch das Eis zerkleinert, damit keine Eisblöcke im Kanal schwimmen. Zemsauers wichtigste Tätigkeit ist jedoch das Verhindern von Hochwasser. Ist die Donau zu hoch, werden die Schleusen zum Kanal hinuntergelassen – wie beispielsweise im Jahr 2002, als das Jahrhunderthochwasser über Wien hereinbrach. Dass es damals zu keiner größeren Katastrophe gekommen ist, haben wir der Donauinsel zu verdanken, die als Pufferzone wirkte, sagt der Schleusenwart. Zwischen April und Oktober „schleust“ Zemsauer zudem die Ausflugsschiffe, die zwischen Fluss und Kanal fahren, hier durch.
Die Wehr- und Schleusenanlage wurde zwischen 1892 und 1899 erbaut. Im Verwaltungsgebäude ist die Via Donau, die österreichische Wasserstraßengesellschaft, untergebracht. Sie achtet darauf, dass die Donau schiffbar bleibt.

Florian Berndl: Naturbursche

Ein Wellnessurlaub war in Wien bereits um die Jahrhundertwende möglich. Zumindest so etwas in der Art. Der, nennen wir ihn Heilpraktiker, Florian Berndl (geboren 1856) pachtete ab 1900 eine Insel in der Alten Donau, auf der er ein „Körperpflegeheim“ eröffnete. Seinen Gästen bot er Schlammpackungen, Bäder in heißem Sand sowie Kräuterbäder an, aber auch ein wenig Freizügigkeit, denn hier konnten sich Männer und Frauen gemeinsam sonnen. In „Sittlichkeitskleidern“ versteht sich: Badehosen für Männer, lange Hemden für Frauen. Wobei sich nicht alle daran hielten, denn einige liefen nackt herum. Die Wiener Gesellschaft empörte sich ob dieses vulgären Treibens, die Gäste Berndls wurden deswegen aber nicht weniger, wie Judith Duller-Mayrhofer in ihrem Buch „Die Alte Donau“ beschreibt (Metroverlag). Sein Körperpflegeheim musste Berndl allerdings nach ein paar Jahren schließen. Der offizielle Grund: Er verkaufte Getränke, und dafür besaß er keine Genehmigung. Der damalige Wiener Bürgermeister, Karl Lueger, ließ im Jahr 1907 auf dem Gelände ein Strandbad eröffnen – das heutige Gänsehäufel.
Auch Berndl kehrte in das Areal zurück. Als Bademeister. Den Gästen bot er weiterhin Heilkuren an, ehe er nach dem Kurpfuschergesetz angeklagt und verurteilt wurde. Die Idee eines Kurortes hat Berndl auch nach seiner Entlassung nicht verworfen, obwohl seine Versuche (etwa das „Sonnenparadies Volkssemmering“) stets gescheitert sind. Berndl starb 1934.

Heute erinnert die Florian-Berndl-Gasse in der Donaustadt an den Gesundheitsfanatiker. Und freilich auch das Gänsehäufel.

Gabu Heindl: Architektin

Sie sind die Beschützerinnen der freien Räume am Donaukanal: die Architektinnen Gabu Heindl und Susan Kraupp. Gemeinsam erstellen sie Gestaltungs- und Entwicklungsleitlinien („Donaukanal Partitur“) für den Donaukanal. Ihr wichtigstes Ziel: Räume ohne Konsumzwang sowie die Naherholungsgebiete müssen erhalten bleiben. Denn Wien wird in den kommenden Jahrzehnten weiter wachsen: Gerade im Hinblick darauf sei die Erhaltung des Kanals als Freiraum wichtig, sagt Heindl. Dazu gehören mehr Sitzgelegenheiten entlang des Kanals, barrierefreie Zugänge und Rastplätze – „Ermöglichungsräume“, wie Heindl sagt. Auch alle Treppen sollen immer zugänglich, und der Blick von oben nach unten Richtung Kanal sowie auch umgekehrt offen bleiben.
Verwaltungstechnisch ist der Donaukanal ein hochkomplexes Gebiet: Bis zu 30 Institutionen haben hier ein Mitspracherecht, von den Bezirken bis hin zur Donauhochwasserschutzkonkurrenz (Nachfolger der Donauregulierungskommission). Hinzu kommt, dass der Kanal als Verkehrsband gewidmet wurde, das heißt, dass alle Einrichtungen wie Lokale nur temporär bewilligt und betrieben werden.

Vor einem Jahr haben Heindl und Kraupp mit der infrastrukturellen Dokumentation des Kanals begonnen. Heißt etwa: Wie viele Toiletten gibt es hier? Noch heuer soll das Konzept fertig gestellt werden. Zwar konzentrieren sich die Architektinnen auf den Bereich Friedens- und Rotundenbrücke, ihr Blickfeld werden sie aber auf den gesamten Kanal ausweiten.

Josef Eisemann: Hochseilartist

Wien sollte nur der Anfang sein. Der Seiltänzer Josef Eisemann, Sohn einer donauschwäbischen Artistenfamilie aus der Nähe von Novi Sad, hat davon geträumt, mit seinen Vorstellungen die Welt zu bereisen. Tollkühn waren seine Ideen. Wie im Jahr 1949, als Eisemann (er lebte mit seiner Familie seit zwei Jahren in Wien) in der kriegszerstörten Stadt für eine Attraktion sorgte: Ein paar Wochen lang balancierte er über einem 120 Meter langen Drahtseil, das über den Donaukanal in der Nähe der Urania gespannt war.

Auch wenn seine ersten Auftritte erfolgreich waren – eine Schlechtwetterperiode machte Eisemann einen Strich durch die Rechnung. Keine Vorstellung, keine Eintrittsgelder. Um den Verlust wettzumachen, wurden Eisemanns Ideen immer gewagter: „Spaziergang im Polkaschritt“ oder „Abendessen auf dem Seil“. Und: die Überquerung mit einer Person auf seinem Rücken. An einem Juliabend suchte Eisemann, wie auch ein paar Male zuvor, im Publikum nach Freiwilligen. Ein 16-jähriges Mädchen meldete sich. Eisemann (er hatte 80 Kilo, das Mädchen 50, die Eisenstange 30) balancierte zunächst ganz souverän bis zur Mitte. Ein kurzes Wanken, bevor es weiterging. Dann, knapp vor dem Ziel, verlor der Artist das Gleichgewicht; beide stürzten kopfüber in die Tiefe und erlagen ihren Verletzungen. Erst später stellte sich heraus, dass es sich bei dem Mädchen um seine Tochter handelte, wie der Historiker Peter Payer in seinem Artikel „Stadt unter Schock“ beschreibt. Ganz Wien nahm Anteil am Tod der beiden, die Stadt übernahm die Begräbniskosten. Ein paar Jahre lang erinnerte ein Gedenkkreuz im Herrmannpark an das Unglück.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2013)

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