Missbrauch: Anklage gegen Ex-Pater

Ein heute 79-jähriger ehemaliger Geistlicher, der jahrzehntelang als Internatsleiter im Stift Kremsmünster Kinder gequält und missbraucht haben soll, kommt vor Gericht.

Missbrauch Anklage Kremsmünster.
Missbrauch Anklage Kremsmünster.
Missbrauch Anklage Kremsmünster. – (c) APA/RUBRA (RUBRA)

Kremsmünster/Stu/Apa. Nach jahrelangen Diskussionen um sexuellen Missbrauch und Gewalt in kirchlichen Einrichtungen gibt es seit gestern, Dienstag, in diesem Zusammenhang die erste Anklage gegen einen früheren höheren Geistlichen. Ein 79-jähriger Ex-Pater des Stifts Kremsmünster, der von 1970 bis 1996 sogar Internatsleiter war, wird vor Gericht gestellt.

Die Liste der Anklagepunkte ist umfangreich: schwerer sexueller Missbrauch von Unmündigen, Nötigung zur Unzucht, Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses, Quälen von unmündigen, jüngeren bzw. wehrlosen Personen. Dazu kommt noch ein Anklagepunkt wegen illegalen Waffenbesitzes.

 

Die meisten Übergriffe verjährt

Die Übergriffe des Geistlichen sollen laut Anklageschrift zwischen September 1973 und Juni 1993 stattgefunden haben. Offiziell ist von 24 Opfern die Rede (wovon 15 schwer sexuell missbraucht worden sein sollen). Inoffiziell ist von deutlich mehr Opfern die Rede. Denn nur in wenigen Fällen war rechtlich gesehen eine Anklage möglich. Es wurden zwar weitere schwere Vorwürfe erhoben und zum Teil bestätigt – diese sind allerdings inzwischen verjährt, die betreffenden Verfahren mussten eingestellt werden. Der Grund, weshalb die nun angeklagten Delikte nicht verjährt sind, ist einerseits die Tatsache, dass sie bis in die 1990er-Jahre reichen, andererseits dass sie besonders tragisch sind: Einige Opfer hätten schwere Schäden durch Gewalt und Missbrauch erlitten, womit die Verjährungsfrist automatisch hinausgeschoben wird, meint Andreas Pechatschek von der Staatsanwaltschaft Steyr zur „Presse“.

Falls der betroffene Ex-Priester nicht innerhalb von zwei Wochen einen Einspruch gegen die Anklage einbringt, wird er voraussichtlich im Sommer vor Gericht gestellt. Ansonsten würde sich der Prozessstart um zwei bis drei Monate verzögern. Insgesamt drohen dem Beschuldigten im Fall einer Verurteilung fünf bis 15 Jahre Haft.

Der ehemalige Geistliche ist nicht geständig, wie aus der Staatsanwaltschaft zu hören ist: „Er verweigerte dazu jede Aussage.“ Derzeit soll er in einem unbekannten Kloster untergebracht sein, nachdem er (wegen der Missbrauchsvorwürfe) im Vorjahr in den Laienstand versetzt wurde. Sein Anwalt überlegt noch, ob die Anklage beeinsprucht wird.

Im Zuge der Diskussionen über Missbrauch im Stift sprachen Opfer immer wieder von einem „System Kremsmünster“. Dokumentiert sind zumindest vier Fälle aus den 1950er-Jahren, die drei bereits verstorbenen Patres zugeschrieben werden. Auch die Ermittlungen gegen zwei weitere Pater mussten eingestellt werden – wegen Verjährung. Gegen einen läuft noch ein kirchenrechtliches Verfahren, dem anderen wurden besondere Auflagen für seine Arbeit auferlegt, er lebt derzeit zurückgezogen im Kloster. Dazu gab es noch Vorwürfe gegen acht weitere Personen – darunter weltliche Lehrer. Diese Vorwürfe wegen körperlicher und seelischer Gewalt waren allerdings bereits verjährt bzw. konnten nicht mit absoluter Sicherheit bestätigt werden. Trotzdem atmen Betroffene auf: „Lang hat es gedauert“, war am Dienstag zu hören: Man sei erleichtert, dass es zu einem Prozess komme. Vom Bekanntwerden der Vorfälle in den Medien bis zur Anklage sind mehr als drei Jahre vergangen.

Aus dem Kloster hieß es, man begrüße, dass die Untersuchungen nun abgeschlossen sind und die Fälle vom Gericht geklärt werden. Das Stift habe „sofort personelle Konsequenzen gezogen und seither die Aufarbeitung aktiv unterstützt“. Bisher hat das Stift mehr als 700.000 Euro an Opfer gezahlt.

Seit über drei Jahren sind Missbrauchsvorwürfe gegen Ordensmänner des Stiftes in Oberösterreich öffentlich bekannt. Nun führen sie dazu, dass der Ex-Pater der erste Geistliche ist, der sich seither im Zug der Missbrauchsaffäre in der römisch-katholischen Kirche vor einem weltlichen Richter verantworten muss.

Auf einen Blick

Erste Anklage gegen einen hohen Geistlichen seit dem Aufflammen der Diskussion über Missbrauch in katholischen Einrichtungen: Ein Ex-Pater, der jahrzehntelang das Internat im Stift Kremsmünster leitete, muss sich im Sommer vor Gericht verantworten. Ihm werden schwerer sexueller Missbrauch und Gewalt gegen Unmündige vorgeworfen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2013)

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