Salzburg: Land entschuldigt sich bei Heimkindern

Die Salzburger Jugendwohlfahrt nach 1945 hatte mit „Kindeswohl“ nur wenig zu tun, konstatieren Historiker. Salzburg hat bisher an 15 Menschen Entschädigungen gezahlt.

Walter Steidl Heimkinder
Walter Steidl Heimkinder
Walter Steidl Heimkinder – (c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)

Salzburg/Lag. Prügel, Essensentzug, die Verbannung in einen Karzer, einen feuchten Keller oder ein finsteres „Besinnungskammerl“, stundenlanges Knien auf Holzscheiten oder die Forderung „Sex oder Rohrstock“ durch einen Erzieher: Viele Kinder, um die sich in der Vergangenheit die Jugendwohlfahrt gekümmert hat, sind bis heute traumatisiert.

Historiker haben im Auftrag des Landes Salzburg dieses dunkle Kapitel aufgearbeitet und ihre Ergebnisse am Mittwoch vorgestellt. Untersucht wurde die Salzburger Jugendwohlfahrt von 1945 bis in die 1970er-Jahre. „Viele Methoden von damals haben mit zeitgemäßer Pädagogik nichts zu tun und sind auf das Schärfste zu verurteilen“, entschuldigte sich der ressortzuständige Landesrat Walter Steidl (SPÖ) bei den Opfern.

Zwischen 1200 und 1500 Personen waren bis in die 1970er-Jahre in Salzburg ständig von einer Maßnahme der Jugendwohlfahrt betroffen. Im Heim landete man in Salzburg rascher als in anderen Bundesländern – obwohl es in Salzburg kein von der öffentlichen Hand betriebenes Heim gab und nur wenige private zur Verfügung standen. Salzburg hatte im Vergleich zu anderen Bundesländern die höchste Heimquote.

 

Wegen Nichtigkeiten ins Heim

Als junges Mädchen einen Freund zu haben, einen Kaugummi zu stehlen oder die Schule zu schwänzen reichte oft schon, um als schwer erziehbar zu gelten. Für die Fürsorge ein Grund, einen Heimplatz oder eine Pflegefamilie zu suchen. „Oft gegen den Willen der Betroffenen und der Eltern“, betonte der Historiker Robert Hofmann: „Je weiter weg, umso besser“, lautete der allgemeine Konsens für eine „Kilometertherapie“. Salzburgs Kinder wurden auf Heime in Tirol, Oberösterreich, Niederösterreich, Vorarlberg oder Bayern verteilt, obwohl man von vielen dieser Einrichtungen wusste, dass sie schlecht beleumundet waren. Eine zentrale Rolle spielte die Heilpädagogische Ambulanz, die über drei Jahrzehnte von der Kinderärztin Ingeborg Judtmann geleitet wurde. Die Ärztin empfahl meist die Heimunterbringung.

Salzburg hat bisher an 15 Menschen Entschädigungen gezahlt, fünf weitere Personen sollen in Kürze Geld erhalten. Heute betreibt das Land keine Heime mehr, Kinder und Jugendliche werden in sozialpädagogisch betreuten Wohngemeinschaften untergebracht. In einem nächsten Schritt werden die Historiker das Schicksal von Kindern in Pflegefamilien aufarbeiten – sie waren meist billige Arbeitskräfte in der Landwirtschaft oder im Fremdenverkehr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2013)

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