Krumme Touren durch die Stadt

Ein "Institut für angewandte Korruption": Zwei Wiener zeigen auf kabarettistischen Stadtspaziergängen, was man von Korruptionsfällen in Österreich lernen kann.

Krumme Touren durch Stadt
Krumme Touren durch Stadt
Krumme Touren durch Stadt – (c) Bilderbox

Wahrlich, Geschichten zum Erzählen gibt es genug. Wie wäre es mit der über einen ehemaligen Finanzminister, der eine völlig überteuerte Homepage im Wert von 283.948 Euro von einer Interessenvertretung bezahlt bekommen hat? Dessen Freunde sich eine Provision in Millionenhöhe für den Verkauf der Buwog sichern konnten. Allerdings nur – so lautet der Vorwurf – weil ihnen ihr Freund, der Finanzminister, Insiderinformationen hat zukommen lassen. Der dementiert das freilich. Wie wäre es, wenn man sich auf die Suche nach den Bawag-Millionen machen würde, die auf Nimmerwiedersehen in der Karibik verschwunden sein sollen?

Man braucht ja nur in Fernseher und Zeitungen schauen, dort treten die beschuldigten Personen immer wieder auf. „Der Witz ist ja, dass man solche Geschichten gar nicht erfinden muss. Die sind ja da. Wir haben, was Korruption betrifft, international anerkannte Persönlichkeiten hervorgebracht“, sagt Roland Spitzlinger mit einem spöttischen Grinsen.

Der 35-jährige Wiener steht gemeinsam mit seiner Kollegin Julia Draxler und dem Schauspieler Stephan vor der Wiener Staatsoper und hält ein Casting ab. Draxler und Spitzlinger sind auf der Suche nach Tour Guides, die ihre Gäste auf Korruptionstour durch die Stadt führen sollen. In eineinhalb bis zwei Stunden dauernden Führungen werden die Besucher an Schauplätze von Korruption in der Stadt geführt. „Man lernt, wie man schöner, reicher, intelligenter wird“, sagt Spitzlinger mit einem Lächeln. Organisiert werden die Führungen vom „Institut für angewandte Korruption“, kurz Ifak, das die beiden kürzlich gegründet haben.

An welche Orte genau die Tour führen wird, wollen die beiden Wiener noch nicht verraten. Das Parlament werde jedenfalls eine Station sein, ebenso einige Penthouses in der Innenstadt. Start der Tour ist die Oper: „Die Reichen und Schönen gehen hier ein und aus, um das eine oder andere Geschäft anzubahnen“, sagt Schauspieler Stephan beim Casting theatralisch. 15 bis 20 Euro werden die Touren kosten. „Aber das ist ein Schnäppchen, wenn man nachher weiß, wie man Millionen verdient“, sagt die 33-jährige Draxler, selbst Künstlerin, mit einem Augenzwinkern. Sie trägt ein T-Shirt mit Pipi-Langstrumpf-Motiv, die einen neuen Leitspruch bekommen hat. „3x2 macht vier Millionen.“

Was würde man selbst tun? Sowohl Draxler als auch Spitzlinger befassen sich schon länger mit dem Thema Korruption. Spitzlinger schreibt derzeit an seiner Philosophie-Dissertation und ist als Wirtschaftsforscher tätig. Er hat früher im Parlament gearbeitet. „Das Thema brennt auch dort allen unter den Nägeln“, sagt er.

Mit dem Ifak wollen die beiden die Bevölkerung auf „das Thema Korruption aufmerksam machen“. Fragen stellen, wachrütteln, etwas zu tun. „Auch überlegen, wie man sich in einer Machtposition verhalten würde.“ Inspirieren lassen haben sich die beiden von Corrupt Tours in Prag. Dort führt der junge Kreative Petr Šourek bereits seit mehr als einem Jahr erfolgreich Touristen aus der ganzen Welt an die korrupten Schauplätze von Prag und Tschechien („Die Presse“ berichtete). Die Touren fanden lauten Beifall. Zeitungen aus der ganzen Welt (wie das renommierte „Wall Street Journal“) haben darüber berichtet. Der Erfolg der Touren macht die Ironie aus, die augenzwinkernde Bosheit, mit der den Besuchern in einfachen Worten erzählt wird, was für millionenschwere Skandale vor ihrer Haustür stattfinden – und wie gut sich mit krummen Touren Geld verdienen lässt. In Prag erzählt die Tour etwa von Ex-Gesundheitsministers David Rath, der mit sieben Millionen Kronen – vermutlich Schmiergeld – aufgegriffen wurde.

Auch in Wien will man auf Ironie und Spaß setzen. „Das Kabarett passt zur österreichischen Tradition“, sagt Spitzlinger. Thematisiert werden – wie in Prag – nur Themen, die bereits bekannt sind. „Wir wollen niemanden anprangern“, sagt Spritzinger. Nur erzählen, was passiert sei. Komplizierte Sachverhalte werden damit leicht aufbereitet. Dass er die Orte für seine Tour noch nicht bekannt gibt, hat rechtliche Gründe. Um sich vor Klagen zu schützen, wolle man hier erst ein juristisches Gutachten abwarten, was wie gesagt werden darf.

Juristisch absichern. Doch das Gutachten kostet Geld. Weswegen Spitzlinger und Draxler derzeit online dafür Geld sammeln. 2000 Euro sind notwendig, damit die Tour ab 25. Mai starten könne. Das Geld, das durch die Touren zusammenkommt, wird wiederum in das Institut für angewandte Korruption investiert. Workshops sind geplant, künstlerische Aktionen, ebenso eine Österreich-Karte, wo Korruptionsfälle eingetragen werden können. Und mehr: In einem offenen Brief an den Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Christoph Neumayer, hat das Ifak eben erst „um eine Homepage“ gebeten. Kosten: 245.948 Euro. „Wir werden nie vergessen, dass sich Ihre Institution unter Ihrem Vorgänger Lorenz Fritz schon einmal bei der Finanzierung eines ähnlichen Projekts hervorgetan hat“, steht in dem Brief in Anlehnung an die Homepage des Ex-Finanzministers. Wenig überraschend hat die IV nie geantwortet.

Dabei ist das Ifak (ganz im Ernst) dringend auf der Suche nach Sponsoren. „Firmen, die sich mit Korruption auskennen, würden besonders gut zu uns passen“, sagt Spitzlinger (weniger im Ernst) und lächelt vor sich hin.

Krumme Touren

„Institut für angewandte Korruption“ heißt der Verein, der von 25. Mai bis 20. September in humorvollen Stadtspaziergängen das Thema Korruption in Österreich sichtbarer machen will. Derzeit sammelt der Verein noch für ein juristisches Gutachten. Infos www.ifak.at oder leistung@ifak.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2013)

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