Wien befragt die Wiener zum Wohnen

Es ist die größte derartige Befragung in der Geschichte der Stadt: Rund 1,2 Millionen Wiener sollen in den kommenden Wochen ihre Meinung zu Mieten und Wohnen äußern.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien/Stu. Rund 1,2 Millionen Wiener, also jeder Wahlberechtigte, bekommen jetzt Post von Michael Häupl. In dem Kuvert findet sich ein Schreiben, das vom Stadtoberhaupt und von Wohnbaustadtrat Michael Ludwig unterzeichnet ist – samt einem Fragebogen. Inhaltlich dreht sich darin alles um das österreichweit heftig diskutierte Wohnthema, also massiv steigende Mieten. Jenes Thema, das im derzeitigen Vorwahlkampf vor der Nationalratswahl das bestimmende Thema der heimischen Politik ist.

„Seit einiger Zeit gibt es eine teils berechtigte, teils völlig überzogene öffentliche Debatte um Wohnkosten. Das hat manche Wiener verunsichert“, wird das Schreiben eingeleitet: „Daher startet die Stadt Wien nun eine Informations-Offensive.“ Mit „objektiven Fakten – ohne parteipolitische Interessen oder mediale Zerrspiegel“ wollen Häupl und Ludwig dem Bürger in dem Schreiben direkte „Antworten auf entscheidende Fragen geben“. Beispielsweise wohin sich die Wiener wenden können, um zu überprüfen, ob sie eine zu hohe Miete zahlen. Gleichzeitig werden die Servicestellen der Stadt präsentiert, an die sich die Bevölkerung bei Wohnfragen wenden kann.

 

Zufriedenheit wird erhoben

Parallel dazu findet sich in dem Kuvert ein Fragebogen zum Thema Wohnen – womit diese Aktion die größte Mieterbefragung in der Geschichte der Stadt ist. Was erhoben wird? Die Zufriedenheit mit der Wohnsituation, ob geplant ist, demnächst umzuziehen – wenn ja, in welche Wohnform (private Miete/Eigentumswohnung/Genossenschaft/Gemeindebau), Gründe für den Wohnungswechsel bei einem Umzug. Dazu kommen die Fragen: „Wie beurteilen Sie die Kosten für Ihre Miete?“, „Wie leicht können Sie sich ihre Miete leisten?“ und „Wie viel von Ihrem Netto-Haushaltseinkommen brauchen Sie für Ihre Miete?“

Interessant: Die letzte Frage des Fragebogens war bereits für die Wiener Volksbefragung im Gespräch: „Die Miethöhe und das Mietrecht sind Sache der Bundesgesetzgebung. Soll sich Wien noch stärker dafür einsetzen, dass Mietpreisberechnung und Mietrecht transparenter werden?“

Für die Volksbefragung wurde diese Frage aussortiert. Offiziell, weil es kein Thema ist, das in die Zuständigkeit der Stadt fällt. Inoffiziell war zu hören, dass die SPÖ die Diskussion um hohe Mieten im roten Wien nicht weiter anheizen wollte. In der Mietrechtsauseinandersetzung mit der ÖVP auf Bundesebene ist es jetzt aber eine Frage, die (indirekt) gegen den schwarzen Koalitionspartner geht. Mit der Nationalratswahl im Herbst (wahlberechtigt sind alle Österreicher ab 16) habe das Schreiben nichts zu tun, beteuert Ludwig. Man schreibe deswegen alle Wiener ab 16 Jahren an, weil ab diesem Alter eine eigene Wohnung ein Thema sei.

Warum die Wohnsituation der Wiener erhoben wird? Ludwig will „individuelle Bedürfnisse und aktuelle Trends in Wien“ erforschen: „Anhand dieser Ergebnisse werden die Leistungen der Stadt ausgerichtet – für ein maßgeschneidertes Angebot.“ Bis zum 5.Juli können die Fragebögen, die spätestens am Montag in den Briefkästen liegen, zurückgesandt werden. Die Auswertung der Daten erfolgt anonym, es sei kein Rückschluss auf den Absender möglich, versicherte der Wohnbaustadtrat.

Im selben Atemzug verteidigte Ludwig die Wiener Wohnbaupolitik: Rund eine Million Wiener sind von der aktuellen Mietpreisdiskussion „überhaupt nicht“ betroffen. Es gehe jährlich nur um rund 25.000 Personen, die privat einen neuen Mietvertrag abschließen.

Wiens VP-Chef Manfred Juraczka ist über die Aktion empört. Es würde viel Geld für No-na-Fragen ausgegeben, das besser in den Wohnbau investiert werden sollte. Die Befragung würde nichts bringen und solle nur von den Skandalen bei Wiener Wohnen ablenken.


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Auf einen Blick

1,2 Millionen Wiener werden im Rahmen einer Informationskampagne der Stadt ab Montag per Brief über ihre Wohnsituation befragt. Dabei geht es vor allem um Fragen zu der Höhe der Mieten in Wien bzw. darum, wie die Wiener prüfen können, ob sie zu viel Miete bezahlen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2013)

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