Pflegekinder als Hilfsarbeiter und Opfer von Gewalt

In der Nachkriegszeit wurden Kinder in Pflegefamilien sozial isoliert, waren Gewalt ausgesetzt und mussten schwer arbeiten.

Pflegekinder Hilfsarbeiter Opfer Gewalt
Pflegekinder Hilfsarbeiter Opfer Gewalt
Pflegekinder Hilfsarbeiter Opfer Gewalt – (C) APA

Wien/Cim. Die Schilderungen reichen nicht an jene Horrorgeschichten heran, die frühere Heimkinder vom Wilhelminenberg für den jüngst präsentierten Bericht zu Protokoll gegeben hatten. Aber auch das Leben der Pflegekinder in der Nachkriegszeit war hart und von Gewalt geprägt. Wiener Pflegekinder wurden als billige Arbeitskräfte am Land eingesetzt.

Das geht aus einer Studie der FH Campus Wien im Auftrag der Stadt Wien hervor, die sich der Situation der Pflegekinder von 1955 bis 1970 widmete. Dafür wurden 15 ehemalige Pflegekinder und Behörden-Mitarbeiter interviewt. Ziel war, so Elisabeth Raab-Steiner, die Leiterin des Kompetenzzentrums für Soziale Arbeit der FH Campus, die Lebenswelt der Pflegekinder nachzuzeichnen – nicht aber, Täter ausfindig zu machen. Und diese Lebenswelt dürfte düster ausgesehen haben. Wiener Pflegekinder wurden in Familien der unteren Mittelschicht und im Arbeitermilieu untergebracht. Teils aber auch in Großfamilien im Südburgenland und der Südsteiermark. Das wurde über die Jahre häufiger: Waren 1958 noch 379 Wiener Kinder am Land untergebracht, waren es 1969 schon 1276 Kinder.

In den bäuerlichen Großfamilien waren teils bis zu zehn Kinder zugleich untergebracht. Die früheren Pflegekinder berichten, sie seien schon sehr jung als Arbeitskräfte am Feld und im Haushalt eingesetzt worden. Die Arbeitskraft der Kinder und finanzielle Leistungen seien die Hauptmotivation gewesen, Pflegekinder aufzunehmen, heißt es in der Studie.

 

„Bewilligung zum Halten“

Die damaligen Pflegekinder berichten von familiären Beziehungen, die von Distanz, Härte und emotionaler Kälte geprägt waren. Diskriminierung, sozialer Isolation, Stigmatisierung als Heimkinder und immer wieder der Drohung, ins Heim zurückgeschickt zu werden. Auch physische Gewalt kam in den Interviews zur Sprache. Ebenso wie sexuelle Übergriffe, auch durch ältere leibliche Kinder oder Bekannte der Pflegeeltern. Besonders Mädchen hatten kaum eine Möglichkeit, eine Lehre zu machen, blieben Hilfskräfte. Viele frühere Pflegekinder leiden noch heute unter diesen Erfahrungen. Geblieben, so Raab-Steiner, seien Unsicherheit bezüglich Zugehörigkeit und Herkunft, instabile Bindungen, Gefühle des Fremdseins, der Schuld und Einsamkeit. Ein glückliches Familienleben haben diese Kinder auch später nicht kennengelernt. Oft wurden eigenen Erfahrungen wiederholt, Kinder der Pflegekinder mussten fremduntergebracht werden.

Um den damaligen Stellenwert von Pflegekindern deutlich zu machen, reicht ein Blick in ein damaliges Handbuch für Pflegeeltern: Da ist von einer „Bewilligung zum Halten von Pflegekindern“ die Rede, die „bei nicht sachgemäßer Behandlung“ entzogen werden könne. Seit damals, so Raab-Steiner, habe sich die Situation von Pflegekindern klar verbessert.

Heute leben 1600 Kinder aus Wien bei Pflegefamilien in Wien, Niederösterreich und im Burgenland. Die Zahl ist zuletzt gestiegen, heißt es von der MA 11. Man versuche, Kinder und Jugendliche heute eher bei Pflegeeltern als in Wohngemeinschaften unterzubringen. In Summe sind derzeit 3500 Wiener Kinder fremduntergebracht. Nur etwa fünf pro Jahr können in ihre biologische Familie zurück.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2013)

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