Frost im Hochsommer: Wo Österreich am kältesten ist

360 Grad Österreich: Eine Doline in den Kalkalpen hält mit minus 52,6 Grad den Kälterekord in Mitteleuropa. Das nützten schon die Nazis für Versuche.

Frost Hochsommer oesterreich kaeltesten
Frost Hochsommer oesterreich kaeltesten
Frost Hochsommer oesterreich kaeltesten – (c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at

Man musste sehr früh aufstehen, wenn man es während der Hitzewelle in Österreich wirklich kühl haben wollte. Man musste nach Lunz am See fahren, etwa drei Stunden auf einen Berg wandern, und dort in einer kleinen Senke auf 1270 Metern Höhe gab es endlich Abkühlung. Und was für eine: Während man in Wien in der Nacht noch knappe 30 Grad maß, waren es hier frische zwei Grad – im Hochsommer! Im Winter wird es noch kälter: Die Doline in Niederösterreich hält mit minus 52,6 Grad den Kälterekord in Mitteleuropa.

„Man spürt es, wenn man tiefer geht“, erklärt der Einheimische. Er hätte es nicht sagen müssen: Alle paar Meter, die man vom Hang hinuntersteigt, wird es merklich kühler. So kühl, dass das vom Aufstieg durchgeschwitzte Hemd unangenehm kalt am Körper klebt. Es hat einen Grund, warum Kühe auf den umliegenden Hängen bleiben und nicht unten in der Senke weiden. Durch einen nicht ganz so klugen, dafür aber offenbar ausgesprochen treuen Hund wurde man angeblich Anfang des Jahrhunderts erst auf das Phänomen aufmerksam: Das Tier wurde von seinem Besitzer eines Morgens im Sommer erfroren vor der Jagdhütte gefunden.

„Vielleicht ist es irgendwo in Mitteleuropa noch kühler als hier“, sagt Manfred Dorninger. „Aber das wissen wir nicht, weil wir nicht in jeder Doline Messstationen haben.“ Und schließlich geht es dem Wissenschaftler des Instituts für Meteorologie und Geophysik in Wien nicht um eine Rekordjagd, wenn er alle drei Monate auf den Berg steigt und die neuesten Messwerte ausliest (Handys funktionieren hier nicht, daher können die Daten nicht automatisch übertragen werden). Es geht um die Erforschung eines einmaligen meteorologischen Phänomens.

Eine Doline ist eine kessel- oder trichterförmige Vertiefung in der Landschaft. „Normalerweise fließt die kalte Luft ab. In einer Doline aber bleibt sie gefangen, es bildet sich ein Kaltluftsee, die Luft durchmischt sich nicht“, erklärt Reinhold Steinacker, stellvertretender Vorstand des Instituts, dem Laien. Hier in Niederösterreich hat sich eine geradezu ideale Doline gebildet: Die größere Senke liegt etwa 50 Meter tief und hat einen Durchmesser von vielleicht 500 Metern, die kleinere von etwa 30, 40 Metern. Sie ist nicht zu tief (dadurch könnte die Luft nicht frei in den Himmel abstrahlen), sondern hat die Form einer Bratpfanne. Die Luft breitet sich auf einer größeren Fläche aus und kühlt so schneller ab.

„Wenn es ideale Bedingungen gibt, werden die besonders tiefen Temperaturen erreicht, die sich oft um Dutzende Grade von den Temperaturen in der Umgebung unterscheiden“, sagt Steinacker. Ideale Bedingungen sind: eine Schneedecke, die verhindert, dass der Boden Wärme abgibt; ein wolkenloser Himmel, weil durch Wasserdampf Wärme nach unten strahlt, und völlige Windstille, die die kalte Luft nicht durcheinanderwirbelt. So war es vermutlich 1932, als der einmalige Kälterekord von 52,6 Grad gemessen wurde. Irgendwann zwischen 19. Februar und 4. März, weil es damals noch keine Möglichkeit gab, die Messdaten an einen bestimmten Tag zu knüpfen.


Messinstrumente fielen aus. Vielleicht wäre der Rekord zu Weihnachten 2003 sogar gefallen, wenn nicht den Messinstrumenten zu kalt geworden wäre. „Wir haben 47,1 Grad unter Null festgestellt“, berichtet Dorninger. „Dann versagten die Instrumente wegen der Kälte.“ Tiefer sanken die Temperaturen in den vergangenen zehn Jahren nicht mehr. „Minus 40 Grad sind aber im Winter durchaus üblich.“

Diesen Umstand machten sich auch die Nationalsozialisten zunutze. Sie karrten einst Panzermotoren, Autos und Transportwagen in die Ybbstaler Alpen, um hier ganz besondere Tests durchzuführen. Man wollte wissen, wie sich die Motoren bei tiefen Temperaturen verhalten und bei wie viel Grad unter Null sie anfangen, Probleme zu machen. Der Grund für die Versuche: die Vorbereitung auf den Feldzug gegen Russland. Die Experimente sollten helfen, Möglichkeiten zu finden, um die Motoren gegen den russischen Winter zu rüsten.

Heute sind es neugierige Touristen, deretwegen der Grundbesitzer die genaue Lage der Doline nicht in der Zeitung lesen will. Er lebt von der Forstwirtschaft und der Jagd, permanente Störungen durch Besucherströme sind da wenig dienlich. Selbst die Wissenschaftler haben sich verpflichtet, nur in englischsprachigen Magazinen über ihre Untersuchungen in den Kalkalpen zu berichten.

Für das Institut für Meteorologie und Geophysik ist die Doline ein einzigartiges Freiluftlaboratorium. „Wir können ja normalerweise keine Laborversuche machen, weil sich Wetterphänomene schnell wieder ändern und üblicherweise nicht nachstellen lassen“, sagt Dorninger. Die Doline bietet dagegen immer wieder die gleichen Bedingungen, so kann man die Bildung und Auflösung von Kaltluftseen besser verstehen und auf große Täler umlegen. „Wir können einschätzen, wie anfällig Gebiete für Inversionen sind, und auch abschätzen, ob dort Industriegebiete angesiedelt werden können oder nicht“, sagt Steinacker.

Auch die Flora in der Doline ist einzigartig, weil bei 260 Frosttagen im Jahr nur spezielle Pflanzen überleben können. Die Vegetation ähnelt der Tundra, hier wachsen Pflanzen, die es sonst nur im hohen Norden gibt oder in Sibirien.

Warum der Kälterekord aus dem Jahr 1932 nie mehr eingestellt wurde, will Dorninger noch untersuchen. Grund könnte die Erderwärmung sein, ebenso gut aber eine lokale Veränderung. Noch aber funktioniert die Abkühlung hoch über Lunz recht gut: Der Wissenschaftler erzählt von einem Junitag, an dem er mit Studenten in dicken Jacken und langen Hosen in ein Wien von 35 Grad Celsius kam. In der Doline hatte es an diesem Morgen minus sieben Grad.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2013)

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