»Austropedia« wächst über sich hinaus

Österreichische Online-Enzyklopädisten beschränken sich längst nicht mehr darauf, nur Artikel anzulegen oder zu verbessern. Sie erschließen neue Tätigkeiten. Als Fotografen, Botaniker oder Historiker befüllen sie das Lexikon.

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GERMANY WIKIPEDIA – (c) EPA

Jeder kennt das Onlinelexikon Wikipedia, fast jeder nützt es. Doch kaum jemand kennt die Menschen hinter der sechst meistbesuchten Webseite der Welt. Im 9er-Bräu bei der alten WU in Wien treffen sich einmal im Monat Autoren und Administratoren respektive Vertreter von Wikimedia Österreich, einem Verein, der freies Wissen im Allgemeinen und Wikipedia-Projekte im Speziellen fördert, mit Geschäftsstelle im siebten Bezirk. Denn Wikipedianer beschränken sich längst nicht mehr darauf, Artikel anzulegen, zu verbessern und Änderungen zu überwachen – sie erschließen neue Tätigkeiten.

Im Bundesdenkmalamt (BDA) im Schweizertrakt der Hofburg befindet sich ein Kammerl, in dem ein A2-Buchscanner, A3-Flachbett-Buchscanner und ein Laptop stehen. Dies ist der Arbeitsplatz von Benutzer Hubertl, dem ersten und einzigen „Wikipedian in Residence“ in Österreich. Also ein Wikipedianer, der in einer externen Organisation angesiedelt ist. Dort schafft er Inhalte für Projekte und weckt Verständnis für Wikipedia (kurz: WP), so die Definition.

Konkret digitalisiert er alte Bücher der 90.000 Bände umfassenden Bibliothek des BDA und stellt sie in der Mediendatenbank Wikimedia Commons online. „Im Laufe mehrerer Jahre sollen hunderttausende Bücher der Kunst- und Kulturgeschichte der Habsburgermonarchie erfasst werden. Es wurden mittlerweile 17 Jahrgänge der ,Mittheilungen der k.k. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale‘ im Zeitraum 1856–1911 gescannt. Also Titelblätter, Inhaltsverzeichnis, Artikel, Stiche, Zeichnungen und Grundrisse“, erzählt Hubertl über sein Scan-Projekt. Wie so viele Wikipedianer ist er scheu und will seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Die Bilder stellen einen Querschnitt durch die Denkmäler der Monarchie dar. „Ein Jahrgang umfasst circa 40 Artikel mit 300 bis 400 Bildern. Die Zeichnungen werden extrahiert, kategorisiert und mit entsprechendem Dateinamen in Wiki Commons hochgeladen. Die Frage ist, wie man die Scans sinnvoll aufbereitet, sodass sie für Wikipedia-Artikel verwendbar sind“, erklärt Hubertl.

Die BDA sieht die Digitalisierung als eine große Chance, um „den Zugang zum kulturellen Erbe zu erleichtern“, sagt eine Sprecherin. Die Bilder werden unter freier Lizenz veröffentlicht, jeder kann sie kostenfrei verwenden, verbreiten und bearbeiten, bei Nennung des Urhebers und Angabe von Änderungen. Mittlerweile wurde Hubertls Arbeit vom BDA auf unbestimmte Zeit verlängert.

Seit drei Jahren schwärmen Wikipedianer österreichweit aus, um Denkmäler zu fotografieren und ins Netz zu stellen. 2010 veröffentlichte das BDA erstmals Gesamtlisten der rund 37.000 geschützten Objekte. Wiki-User stellten die Listen, geordnet nach Gemeinden, online, beschrieben und bebilderten die Objekte, bestimmten ihren Standort und verlinkten sie mit Artikeln. Mittlerweile sind 99 Prozent der Denkmäler mit Geokoordinaten versehen, 89 Prozent bebildert. Lediglich bei den Beschreibungen besteht mit derzeit 50 Prozent noch Arbeitsbedarf.

Doch es gibt auch Probleme bei der Erfassung. „Es gibt Objekte, die seit Jahren nicht mehr existieren. Manchmal wurden Objekte baubedingt verlegt. Bei manchen sind die Geodaten falsch, weil die Gemeinde verwechselt wurde. Auch müssen wir ein Jahr auf die Datenaktualisierung des BDA warten“, sagt Benutzer Herzi Pinki.

Auch WP-intern gibt es Verbesserungsbedarf. „Wir haben keine feste Organisationsstruktur. Es kann jeder mitmachen, aber nur wenige kümmern sich langfristig und nachhaltig um das Projekt. Wichtig ist jedoch, dass das Projekt eine große Außenwirkung hat“, so Herzi Pinki. Immerhin erhielt das Denkmallistenprojekt 2012 den Zedler-Preis für das beste Community-Projekt von Wikimedia Deutschland.

Denkmäler im Wettbewerb. Mit den Denkmallisten eng verknüpft ist der Fotowettbewerb „Wiki Loves Monuments“ (WLM). Wikipedianer fotografieren Denkmäler ihres Landes und reichen die Bilder beim Wettbewerb ein. Dies wurde erstmals 2010 in den Niederlanden durchgeführt. Ein Jahr später wurde WLM europaweit, noch ein Jahr später weltweit ausgetragen. In Österreich wurden heuer 11.100 Fotos hochgeladen, davon 50 als Preisträger ausgewählt. Die besten zehn wanderten in die internationale Auswahl.

Nationalsieger war ein Bild von User GuentherZ vom Kalvarienberg bei Retz, mit Statue im Vorder- und Windmühle im Hintergrund. Auch die Nächstplatzierten boten schöne Ein- und Ausblicke auf geschützte Objekte. Weitere 2500 Bilder kamen durch den Wettbewerb „Wiki Loves Public Art“ über Kunstwerke im öffentlichen Raum hinzu. Die Siegerehrung fand im Ahnensaal der Hofburg statt.

Doch nicht jeder ist über die Fotoflut glücklich. „12.000 Bilder müssen erst einmal bearbeitet, Daten und Beschreibung überprüft werden. Da fehlt es an kompetenten Mitarbeitern“, sagt Herzi Pinki. Übrigens: Laut „Guinnessbuch der Rekorde“ ist WLM der größte Fotowettbewerb der Welt.

Österreich ist Vorreiter, was Open Government Data betrifft, also Verwaltungsdaten frei zugänglich zu machen. Darüber hinaus will das Open Data Portal Österreich Zugang zu Daten fördern, die von Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst, Kultur, NPOs und NGOs zur Verfügung gestellt werden – als Teil einer transparenten Informationsgesellschaft und, um größere Bürgerbeteiligung zu ermöglichen. Der Verein Wikimedia Österreich ist gemeinsam mit der Open Knowledge Foundation und der Cooperation Open Government Data am Open Data Portal Österreich beteiligt. „Open Data sind eine wichtige Ressource für Wikipedia. Wir sind dabei, einen zentralen Datenpool zu schaffen und mit Wikipedia kompatibel zu machen“, sagt Wikimedia-Geschäftsführerin Claudia Garád. Seit einem Jahr gibt es die Seite Wikidata.org, auf der offene Daten in strukturierter Form gesammelt und maschinell verarbeitet werden können. „Langfristig sollen Daten, Tabellen, Infokästen, zum Beispiel Einwohnerzahlen, sich automatisch in allen Sprachversionen aktualisieren. Dann muss niemand mehr manuell Zahlen updaten“, sagt Garád.

QR-Codes für Pflanzen. Einzigartig ist auch die Zusammenarbeit der Wikipedianer mit dem Botanischen Garten der Universität Graz. Wer durch diesen mit Smartphone oder Tablet schlendert, kann über QR-Code auf der Infotafel neben der Pflanze zum entsprechenden WP-Artikel gelangen. „Über 300 Artikel wurden dafür neu angelegt oder ergänzt“, erzählt Claudia Garád. So kann man sich in verschiedenen Sprachen Wissen über die Pflanze aneignen. „Den Besuchern stehen Informationen auf höchstem wissenschaftlichem Niveau zur Verfügung“, gibt sich Gartenleiter Christian Berg euphorisch.

Seit 2012 betreibt wiederum die „Wiener Zeitung“ das Portal Wien-Wiki, an dem auch Wikipedianer mitarbeiten. Es bietet Informatives zu Geschichte, Freizeit, Kultur, in Wien. Wien-Wiki entstand, obwohl in Wikipedia bereits ein langer Wien-Artikel sowie ein umfangreiches Wien-Portal zu finden sind. Da Wien-Wiki aber nicht unter einer völlig freien Lizenz läuft – und einige Wikipedianer damit ein Problem haben, weil das nicht dem Alles-ist-frei-Ursprungsgedanken von Wikipedia entspricht –, wollen sich einige Schreiber nun dem noch ganz am Anfang stehenden Regio-Wiki zuwenden. Diese Idee einer regionalen Wikipedia-Plattform kam ursprünglich aus Deutschland und wird unter anderem nun auch für Wien übernommen.

Doch auch hier wird die Sinnhaftigkeit durchaus kontrovers diskutiert. „Manche befürchten eine Doppelung von Artikeln. Aber Regio-Wiki ist für regionale Inhalte da, die in Wikipedia mangels Relevanz keinen Platz hätten“, sagt User K@arl beim Stammtisch. Dort wird auch gerne über die freie Lizenz diskutiert. Es gibt Fälle, win denen Wiki-Fotografen die Lizenzbestimmungen ihrer Bilder verletzt sehen und anwaltliche Abmahnungen versenden. Theoretisch ein gutes Körberlgeld. Abgesehen vom Einzelfall rührt die Debatte am heiklen Thema: Darf ein Wiki-Autor oder -Fotograf mit seiner Arbeit Geld verdienen? Bisher basiert Wikipedia auf dem Ideal der freiwilligen unentgeltlichen Mitarbeit, das von Gründer Jimmy Wales verteidigt wird. Doch es läuft bereits ein Projekt von User Dirk Franke, das Editieren aus Idealismus und professionelles Schreiben für Entgelt in Einklang bringen will. Klare Regeln über Bezahlung und ihre Grenzen sollen erstellt werden. Doch das wirft auch eine neue Frage auf: Kommt dadurch das Wikipedia-Ideal irgendwann ins Wanken?

Lexikon

Wikipedianer, also jene Menschen, die das Onlinelexikon Wikipedia befüllen, haben neue Tätigkeitsfelder für sich entdeckt. Sie fotografieren Denkmäler und speisen sie in das Lexikon ein, arbeiten mit dem Bundesdenkmalamt zusammen und dem Botanischen Garten in Graz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2014)

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