Braunau am Inn: Das Haus, das lieber vergessen wird

Seit fast einem Jahr ist die Entscheidung ausständig, was aus Hitlers Geburtshaus in Braunau am Inn wird. Nutzungskonzepte gibt es schon, doch noch wird darüber gestritten.

(c) FABRY Clemens

Wien. Das Haus mit der irreführenden Adresse Salzburger Vorstadt 15 ist eines, das keine Stadt gern haben will. Gut, es sieht nicht besonders spektakulär aus. Es hat eine gelbe Fassade und Rundbogenfenster. Aber es ist das Haus in Braunau am Inn. Mehr braucht es nicht, um zu wissen, was gemeint ist, wenn Besucher wieder einmal danach fragen. Es ist das Haus, in dem am 20.April 1889 Adolf Hitler geboren wurde.

In Braunau würde man das am liebsten vergessen, leidet die Stadt doch seit Jahren unter der Assoziation mit dem NS-Diktator. Und derzeit plagt man sich mit der Entscheidung über die weitere Verwendung des Hauses. Seit dem Auszug der Lebenshilfe im Herbst 2011 steht das zweistöckige Gebäude leer. Offiziell befindet man sich zwar in Gesprächen, eine Entscheidung gibt es aber noch nicht.

„Es ist ein schwieriges Thema, es gibt Fort- und Rückschritte“, sagt Braunaus Bürgermeister, Johannes Waidbacher (ÖVP). Dabei liegen laut „Presse“-Informationen sogar zwei Konzepte im Rennen. Das eine ist ein „Haus der Verantwortung“. Das hat Andreas Maislinger, Gründer des Österreichischen Auslanddienstes, schon im Jahr 2000 auf Anfrage des damaligen Bürgermeisters, Gerhard Skiba (SPÖ), entwickelt. Zu einer Zeit, als das Haus noch von der Lebenshilfe genutzt wurde. Das Konzept sieht eine Nutzung nach dem Prinzip Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vor. So sollen Institutionen und Personen (aus dem In- und Ausland) darin an Gedenkprojekten arbeiten, NGOs mit ihren Büros darin Platz finden und junge Menschen – eventuell Schüler – über die Zukunft nachdenken.

Der gut vernetzte Maislinger hat dafür im In- und Ausland Unterstützer gefunden. In einem E-Mail führt er mehr als 300 prominente Namen an. Unter ihnen Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, den Kärntner Landeshauptmann, Peter Kaiser, Schauspieler Cornelius Obonya oder aber Wiens Oberrabbiner, Paul Chaim Eisenberg. Dem gegenüber steht ein von der Stadt Braunau vor rund einem Jahr entwickeltes Konzept, das eine Nutzung durch die Volkshochschule und die Volkshilfe vorsieht. Der Arbeitskreis, der den Vorschlag entwickelt hat, wurde aktiv, nachdem sich der Braunauer Bürgermeister mit dem Vorschlag, aus dem Geburtshaus ein Wohnhaus zu machen, nicht beliebt gemacht hatte. Auch der russische Abgeordnete Franz Klinzewitschein, der 2012 über die Medien ausrichten ließ, er wolle das (denkmalgeschützte) Haus kaufen und abreißen, stieß auf wenig Begeisterung.

 

Wohnungen oder Abriss?

„Es ist eine tragfähige Zukunftsperspektive entwickelt worden“, sagt nun der Bürgermeister zur „Presse“ und ist dabei sichtlich bemüht, so wenig wie möglich zum Thema zu sagen. Dass das bestehende Konzept für das „Haus der Verantwortung“ seitens der Stadt nicht vorangetrieben wurde, argumentiert er damit, dass die Idee mit der VHS und Volkshilfe (mittlerweile) konkreter sei. Entscheiden, wie das Haus zukünftig genutzt wird, müssten sowieso andere. Zumindest theoretisch. Denn das Innenministerium ist seit Jahren Hauptmieter des Gebäudes, das im Privatbesitz einer Frau steht. Es zu mieten ist also die einzige Möglichkeit, Einfluss auf die Nutzung des Hauses zu haben.

Und so beruft sich auch Braunau auf das Innenministerium, wenn es um die Zukunft des Hauses geht. „Wir wollen dem Hauptmieter da nicht vorgreifen“, heißt es auf die Frage, ob es schon Gespräche mit der Besitzerin gegeben hat. Im Ministerium will man wiederum nur eine Entscheidung mit „möglichst breitem Konsens auf lokaler Ebene“ treffen. Man kenne beide Konzepte, Gespräche seien derzeit am Laufen.

Dabei dürfte, wie „Die Presse“ nun aus anderer Quelle erfuhr, die Entscheidung schon so gut wie sicher zugunsten der VHS und Volkshilfe gefallen sein. Denn abgesehen von der fehlenden lokalen Unterstützung dürfte auch die Eigentümerin einem Haus der Verantwortung wenig abgewinnen können.

Andreas Maislinger vom „Haus der Verantwortung“ meint hingegen, beide Vorschläge seien noch immer gleichwertig im Rennen.

Wann die Entscheidung tatsächlich erfolgt, ist ohnehin noch immer nicht absehbar. Dabei jährt sich am 20. April Hitlers Geburtstag zum 125.Mal. Und dass dann das Thema Geburtshaus wieder hochkochen wird, ist so gut wie sicher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2014)

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