Manfred Glauninger: "Dialekte sterben schon seit hunderten Jahren"

Dass Dialekte weniger werden, ist nichts Neues, sagt Germanist Manfred Glauninger. Es bilden sich aber etwa durch Zuwanderung neue Sprachformen heraus. Und alte Dialekte feiern zumindest in der Kunst ein Revival.

Junge Menschen unterhalten sich
Junge Menschen unterhalten sich
Junge Menschen unterhalten sich – APA

Sind Dialekte vom Aussterben bedroht?

Manfred Glauninger: Dialekte sterben schon seit hunderten Jahren. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Dialekt hat erst aus der Angst heraus, dass er stirbt, begonnen. Es kann keine Sprache existieren, wenn sie sich nicht ununterbrochen wandelt. Das hat zur Folge, dass auch Dialekt sich verändert. Auch sein Gebrauch unterliegt einer Veränderung. Es kann sein, dass bestimmte Gruppen den Dialektgebrauch reduzieren. Das führt zum Eindruck, dass der Dialekt verschwindet.

 

Gibt es nun weniger Dialekte als früher?

Wo früher in kleinen Entfernungen voneinander unterschiedliche Dialekte wahrgenommen worden sind, kann sich das inzwischen ausgeglichen haben – in einer Form, dass man in einem größeren Raum relativ gleich spricht. Das würde bedeuten, dass es weniger Dialekte gibt.

 

Entstehen nicht auch neue Dialekte, etwa durch Zuwanderung?

Wenn durch Migration neue Erscheinungsformen von Sprache entstehen, etwa „Türkenslang“, würde man diese aus einer soziolinguistischen Perspektive als Soziolekte bezeichnen. Im Grund ist das aber eine akademische Diskussion. Das Wienerische etwa hat auch durch den Zuzug von Tschechisch und Slowakisch sprechenden Menschen im 19.Jahrhundert jene Form herausgebildet, deren Abbau heute als „Verschwinden“ des Wiener Dialekts beklagt wird.

 

Wo bleiben Dialekte länger erhalten?

Es ist sicher kein Zufall, dass sehr lange relativ wenig Dynamik in den Dialekten dort herrschte, wo die Verkehrswege nicht ideal waren, um mobil zu sein. Hochalpine und abgeschottete Regionen waren solche, wo der Dialekt wenig Dynamik gezeigt hat. In Österreich sind seit einiger Zeit die Dialekte im Donauraum dynamischer gewesen.

 

Wegen der Donau als Verkehrsweg?

Auch das. Ein flaches Land, offen, mit Wien als großer Stadt mit enormer Bedeutung, dann die Industrialisierung, das spielt eine wesentliche Rolle. Jetzt haben wir aber eine völlig neue Situation wegen der Kommunikationsmöglichkeiten durch digitale Medien. Es ist egal, ob man in einem Tiroler Seitental sitzt oder in Manhattan – man ist online. Das führt dazu, dass sich diese Unterschiede nicht mehr so stark bemerkbar machen. Es hat aber auch politische und historische Gründe, dass etwa der Dialekt in manchen Räumen ein so starkes Identitätsmerkmal ist, dass er trotz Mobilität so stabil ist. Denken Sie an die Schweiz oder Vorarlberg. Hat der Dialekt weniger Stigma und mehr Prestige, führt das zu Stabilität.

 

Welche Dialekte haben in Österreich höheres, welche niedrigeres Prestige?

Da gibt es zwei Perspektiven. Die eigene und die fremde. Menschen in Deutschland haben bei Untersuchungen angegeben, dass sie das Wienerische sympathisch finden. In Österreich selbst schneidet Wienerisch nicht so gut ab. Das zeigt, dass die Sympathiewerte für einen Dialekt immer mit den Klischees zu tun haben, die man im Kopf hat im Bezug auf bestimmte Situationen. In Wien selbst stigmatisiert man Dialekt. Wienerisch im Sinn von Heurigenromantik wird aber idealisiert. Was den Dialekt angeht, ist den Wienern in Umfragen das nähere Umfeld, Niederösterreich und Burgenland, meist nicht so sympathisch. Vorarlberg und Tirol dagegen schon. Im Grunde sind es Stereotype, die viel mit außersprachlichen Faktoren zu tun haben.

 

Also der großkopferte Wiener?

Wiener sind in Österreich eher nicht so beliebt, das ist bei großen Städten in kleinen Ländern immer so. Aber Wienerisch besetzt auch in Österreich Facetten im Klischeebewusstsein, die es schon auch beliebt machen.

 

Dialekt hängt ja nicht nur mit Aussprache und Betonung zusammen, sondern auch mit Wörtern. Welche sind da eher gefährdet?

Der dialektale Wortschatz ist auch oft geprägt von sozialen Strukturen, die es nicht mehr gibt. Das sind etwa Arbeitsprozesse, Arbeitsgeräte und Arbeitsweisen, die mit Dialektwörtern bezeichnet wurden. Wenn es diese Arbeitsweise heute so nicht mehr gibt, verschwinden diese Wörter. Wörter für Gegenstände, die man nicht mehr braucht, sind prädestiniert dafür, dass man sie nicht mehr verwendet.

 

Und regionale Begriffe wie Marille statt Aprikose oder Paradeiser statt Tomate?

Da muss man differenzieren. In der Diskussion geht es vor allem um eine Unterschiedlichkeit auf der Ebene des Hochdeutschen zwischen Deutschland und Österreich. Da reden wir nicht von Dialekt. Marille ist in Österreich ein hochsprachliches Wort. Da gibt es natürlich Unterschiede zu Wörtern des Standarddeutschen. Durch die Integration in den EU-Binnenraum geht der Sprachaustausch schneller vonstatten. Manche Sprachpuristen versuchen, solche Sprachwandelerscheinungen zu bekämpfen. Das ist aber eine Sache, die eigentlich nie funktioniert. Das ist vielleicht eine emotionale Angelegenheit, kann manchmal eine agitatorische sein. Aber Sprache verändert sich einfach.

Warum tun wir uns so schwer, diesen Wandel einfach zu akzeptieren?

Was oft fehlt, ist eine andere Perspektive. Man kennt ja dann als Österreicher viele Ausdrücke, die in Deutschland verwendet werden, umgekehrt ist das eher selten. Man hat also ein größeres Spektrum zur Kommunikation, weil einfach mehr Auswahlmöglichkeiten da sind. Das wäre so etwas wie eine innere Mehrsprachigkeit, eine Ressource.

 

In der Kunst gibt es schon eine Hinwendung zum Dialekt.

Es gibt Regionen, in denen der Dialektgebrauch stark abgebaut ist. Als Reaktion dazu taucht der Dialekt in anderen Funktionen stark auf, in der Werbesprache, im Dialekttheater oder in Radio- und Fernsehsendungen. Quasi als Kompensation wird er dann in bestimmten Situationen inszeniert.

 

Etwa von Künstlern wie Ostbahn Kurti oder Ernst Molden.

Wobei es da auch eine neue Welle gibt, ganz junge Leute, die im Dialekt rappen. Viele junge Musiker reden Wiener Umgangssprache, die oft sehr nahe an das Hochdeutsche herankommt, rappen dann aber dialektales Wienerisch, da wird der Dialekt nur als Stilmittel eingesetzt. Das sind Phänomene, bei denen das nicht mehr aus einer Alltagskommunikation herauskommt, sondern etwas Besonderes wird.

 

Zuletzt gab es die Initiative eines Magazins, Sprachpatenschaften für Dialektwörter zu übernehmen. Ist das sinnvoll?

Nein. Eine Patenschaft für Wörter hält – zum Glück – den Sprachwandel sicher nicht auf.

Steckbrief

Manfred Glauninger
(geb. 1964) ist Soziolinguist. Er forscht am Institut für Corpuslinguistik und Texttechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und lehrt an den Universitäten Wien, Graz und Salzburg.
Universität Wien

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2014)

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