Nachlass-Hopping: Auf der Jagd in alten Wohnungen

Bei einem Nachlass-Hopping können Teilnehmer den Inhalt aufgelassener Wohnungen mitnehmen. Nun soll es dafür eine eigene Nachlass-Hopping-Agentur geben.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Das Konzept funktioniert etwa so: Eine Wohnung wird nach dem Ableben des Besitzers aufgelassen. Tische, Fernseher, Pflanzen, Staubsauger, alles, was sich darin noch befindet, muss dann weg.

Und hier kommen Christof Stein vom Vintage-Möbelgeschäft Lichterloh und seine Kollegin Astrid Blecha ins Spiel. Denn einen Teil seiner Ware bezieht Stein durch das Ausräumen aufgelassener Wohnungen. Und daher weiß er, dass Möbel oder funktionstüchtige Elektrogeräte dabei oft weggeworfen werden. Wer hat im Lager schon Platz für zehn Waschmaschinen oder 50 gewöhnliche Tische?

Seit rund einem Jahr organisieren Stein und Blecha daher sogenannte Nachlass-Hoppings. Für einen Betrag von zehn Euro dürfen Teilnehmer in die aufzulassende Wohnung und alles mitnehmen, was sich darin befindet. Von Tischen über Sessel bis zu Waschmaschine, Lampen, Büchern, Bilderrahmen, Fernsehern oder Mixern.

Was im ersten Moment vielleicht etwas seltsam klingt, passiert freilich nur in Absprache und auf Wunsch der Verwandten: „Die haben oft eine große Freude damit, wenn sie sehen, dass die Sachen noch weiterverwendet werden können“, sagt Astrid Blecha, die die Hoppings vom Lichterloh-Ableger Ramsch & Rosen aus organisiert.

Und das Konzept funktioniert. Mehrere hunderte Menschen haben schon an den Hoppings teilgenommen. „Einige Studenten haben so schon ihre ganze WG eingerichtet“, sagt Blecha stolz.

 

Hotline und Homepage

Nun folgt der nächste Schritt. Demnächst soll das Nachlass-Hopping zu einer Art Agentur umfunktioniert werden. Mit regelmäßigen Terminen, einer eigenen Nachlass-Hopping-Hotline und eigener Homepage, auf der sich auch Menschen melden können, die ein Hopping veranstalten wollen.

Grund für den Schritt sei die große Nachfrage gewesen. „Wenn wir ein Hopping ausschreiben, dann stehen am ersten Tag hundert Menschen da und wollen eine Einlasskarte“, sagt Blecha. Viele davon musste sie bisher aber wegschicken – kein Platz in der Wohnung.

Umgekehrt hätten sich immer mehr Betroffene gemeldet, die ein Nachlass-Hopping veranstalten wollten (Stichwort: „Ist ja schade, das alles wegzuwerfen“). Doch gerade den Besitzern von kleineren Wohnungen hätten Blecha und Stein oft absagen müssen. Der Organisationsaufwand hätte sich bei einer Wohnung, in der gerade einmal Platz für 20 Hopper sei, nicht gelohnt. Um das nun zu ermöglichen, will man in Zukunft den Einlasspreis bei kleineren Wohnungen auf 20 Euro pro Person erhöhen. Mitnehmen darf man aber auch dort alles, was man will.

Auf der Homepage werden auch die (strengen) Hopping-Regeln zu finden sein. Sie sind, wie Blecha erklärt, auch der Grund, warum das Hopping gut funktioniere. Eingelassen wird nur, wer eine Einlasskarte vorweisen kann. Die muss man sich persönlich im Ramsch & Rosen abholen. Durch die Einlasskarten wird auch die Anzahl der Teilnehmer reguliert. Weil man nicht wolle, dass auf einmal mehrere 100 Menschen vor der Hopping-Wohnung stehen. Alles soll gepflegt ablaufen. „Es sind ja auch oft Verwandte da, die sich das Hopping ansehen“, sagt Blecha. Weiters werden nicht alle Dinge zum Hoppen zugelassen. Fotos des Verstorbenen, Medikamente, Windeln oder Dokumente werden vorher aus der Wohnung gebracht. Wer beim Hopping nichts für sich findet, bekommt sein Geld zurück.

Die Einnahmen durch das Hopping kommen Organisatorin Blecha und ihren Helfern zugute. Und die würden gerade einmal den Aufwand decken, erzählt sie. Und Stein sagt, dass seine Motivation ohnehin eine andere sei. Soziale Umverteilung und Müllvermeidung. Ein Thema, das ihn schon lange beschäftigt. „In Sri Lanka hat eine Familie drei Gläser und bei uns wird alles weggeworfen.“

Vom Nachlass-Hopping sollen jetzt alle profitieren. Die, die günstige Gegenstände bekommen (Zielgruppe des Hoppings sind „Wohnungseinsteiger“ wie Studenten) und die Erben, die weniger wegwerfen müssen. Die Gebühr für die Müllabholung wird so freilich auch reduziert. Die Idee gefällt auch anderen: In Deutschland gibt es bereits eine (noch schwach befüllte) Nachlass-Hopping-Plattform – inspiriert durch das Projekt in Österreich. „Dort kann man das Hopping auch bewerten“, sagt Stein. Eine Idee, die ihm auch für Wien gefällt.

AUF EINEN BLICK

Agentur. Bei einem Nachlass-Hopping können die Teilnehmer den Inhalt einer aufzulassenden Wohnung mitnehmen. Nun wollen die Initiatoren des Projekts eine Hopping-Agentur mit eigener Hotline und Homepage gründen. Die Hotline-Nummer soll in zwei Wochen feststehen. Bis dahin gibt es weitere Infos unter www.facebook.com/RamschRosen oder persönlich im Ramsch & Rosen (Neubaugasse 15).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2014)

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