Wo Nachbarn aufeinander schauen

Alice Ebenberger leitet im Bezirk Spittal an der Drau das Dorfservice. Kinderbetreuung, Besuche oder Begleitung: In 13 kleinen Gemeinden rückt man wieder enger zusammen.

Alice Ebenberger
Alice Ebenberger
(c) Clemens Fabry / Die Presse

Seeboden. Es ist schön hier zwischen den Bergen der Hohen Tauern. Und trotzdem ist in Österreichs flächenmäßig zweitgrößtem Bezirk, Spittal an der Drau, nicht alles gut. Hohe Arbeitslosigkeit, Abwanderung und eine negative Geburtenrate veranlasste die Lokalredaktion der „Kleinen Zeitung“ vor einem Jahr zur Schlagzeile: „Oberkärnten stirbt aus“.

Ganz so weit ist es zwar noch nicht, aber die Tendenz stimmt. Und obwohl die Gemeinschaft, das Kümmern um die älteren Menschen am Land traditionell besser funktioniert als in der Stadt, erodiert mit der Bevölkerung auch hier das Miteinander.

„Dorfservice“ heißt eine Idee, die die Menschen wieder näher zusammenbringt, und von der Hilfsbedürftige aller Art genauso profitieren wie die überwiegend ehrenamtlichen Mitarbeiter.

Das Gesicht des Dorfservice ist Alice Ebenberger. Wer sie von sich, dem Land und den Leuten erzählen lässt, der hat nicht den Eindruck, dass die langsame Veränderung in der Bevölkerungsstruktur nur schlechte Seiten hat. Ebenberger gehört zu jenen Menschen, die eine schwierige Lage auch als Chance begreifen. Verändern statt jammern, das ist ihr Ansatz. Dafür hat die 42-Jährige einst ihre sichere Stelle als Lehrerin an der örtlichen Handelsakademie aufgegeben.

Die ''Anpacker'': Menschen, die ein Land verändern

Integration für Heimkehrer

Die Mitarbeiter des Dorfservice erledigen Besuchs- und kleine Hilfsdienste, begleiten Kranke bei der Fahrt zum Arzt, machen Kinderbetreuung, wenn einmal niemand Zeit hat, oder sind einfach nur da, wenn jemand einsam ist. All das ist für die Betreuten kostenlos.

Trotzdem verzieht Ebenberger ein klein wenig den Mundwinkel, wenn man das Projekt, das sie seit 2011 leitet, in die Schublade „Soziales“ steckt. „Wir begreifen uns nicht als Dienst an Armen oder Schwachen“, sagt sie, „wir sind ein gesellschaftliches Projekt, das man besser als institutionalisierte Nachbarschaftshilfe beschreibt.“

Früher, da gab es die Dorfhelferin, die immer dann auf die Höfe kam, wenn jemand ausfiel, der Arbeit hinterließ. Heute funktioniert das ein klein wenig raffinierter. Wer Hilfe benötigt, der meldet sich bei einer der zehn hauptamtlichen und angestellten Mitarbeiterinnen. Sie koordinieren und betreuen die Ehrenamtlichen, die fast immer aus jener Gemeinde kommen, in der die Arbeit anfällt. Derzeit sind das 140 Freiwillige in 13 Gemeinden, darunter Mühldorf, Lendorf oder Malta. Die meisten Helfer sind selbst Senioren, der jüngste Mitarbeiter allerdings begann, als er 15 Jahre alt war. Seine Idee: Rosenkranzbeten im Altenheim. Die Idee kam bei den Bewohnern an. Jeder Freiwillige stellt nur Tätigkeiten zur Verfügung, mit denen er sich identifizieren kann.

Ebenbergers Aufgabe ist es, die Ehrenamtlichen, die die Dorfgemeinschaft mit ihrer Zeit beschenken, zu hegen und zu pflegen. Und: „Übermotivierte, die sich unbegrenzt zur Verfügung stellen, bremse ich ein.“ Die Idee des Dorfservice ist es, dass sich die Freiwilligen nicht selbst aufbrauchen, dafür aber auch langfristig zur Verfügung stehen.

Dabei begreift sich das Projekt auch als Plattform zur Re-Integration von zurückgekehrten Auswanderern. Ein beträchtlicher Teil der Ehrenamtlichen ist hier geboren, lebte und arbeitete aber wo anders, bis sie im Ruhestand wieder zurückkehrten. Die alten Kontakte gingen fast immer verloren. Die Freiwilligenarbeit beim Dorfservice hilft, die Rückkehrer innerhalb kürzester Zeit wieder Teil der Gemeinde werden zu lassen.

 

Dünne finanzielle Decke

Auch wenn die Besuchten selbst nichts für die Dienste zahlen: Der Betrieb des Dorfservice kostet Geld. Zum einen sind da die ohnedies nicht üppigen Gehälter der Angestellten. Zum anderen braucht es ein Budget für die Ausbildung der Ehrenamtlichen, die gleichzeitig eine Versicherung erhalten und die nötigen Fahrten mit Kilometergeld abgegolten bekommen.

Wie dünn die finanzielle Decke aus Sponsorgengeldern sowie Beiträgen von Land und Gemeinden ist, kam im Frühling mit der Schneeschmelze zum Vorschein. Im engen Liesertal verlegte eine Mure eine wichtige Straße. Fahrten, die normalerweise 20 km lang sind, erfordern seither Umwege von 60 km. Die bezahlt werden müssen. Jetzt heißt es sparen.

Und dann jammert Ebenberger doch ein klein wenig. Egal, wie engagiert man sei, so würde sie sich wenigstens vom Land Kärnten eine längerfristige Finanzierungszusage wünschen. Mit den Gemeinden bestehen unbefristete Verträge, das Land jedoch zahlt nur Jahr für Jahr.

AUF EINEN BLICK

Das Dorfservice Kärnten bietet mit 10 angestellten und 140 ehrenamtlichen Mitarbeitern kleinere Hilfsdienste wie Besuche oder Kinderbetreuung im Gemeindeverband an. Die Idee erhielt bereits mehrere Preise, im Burgenland starteten einige Gemeinden ein ähnliches Projekt nach Kärntner Vorbild. www.dorfservice.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2014)

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