Partnersuche vor der Waschtrommel

Wer auswärts wäscht, tut dies meist nicht freiwillig. Oft sind es Single-Männer, die auf Brautschau gehen.

(c) DiePresse (Michaela Bruckberger)

Es gibt sicher romantischere Orte, um einander kennen zu lernen. Denn viel Charme hat er ja nicht, so ein Waschsalon mit seinen großen Waschtrommeln, den penetranten, hohen Tönen, die die Schleudern von sich geben, der heißen Luft aus den Wäschetrocknern. Dazu vielleicht noch ein fragwürdiger Kaffee aus dem Automaten. Nein, stilvoll ist das nicht.

Aber praktisch. Helmut Mertl, Innungsmeister der Textilreiniger in der Wiener Wirtschaftskammer, sieht das ganz pragmatisch. Viele Kunden seien frisch geschiedene oder getrennte Single-Männer, „die ihre Kleidung im Waschsalon waschen müssen“. Zur Überbrückung. Bis sie „wieder eine Frau erwischen, die ihnen die Wäsche macht“, wie er sagt. Im Idealfall passiert das gleich direkt in der „Mietwaschküche“, wenn sie schon ein, zwei Stunden im sterilen Ambiente auf die Wäsche warten müssen. („Fortgehen kann man ja nicht, sonst ist die Wäsche weg“, sagt Mertl). Wobei: Die Chancen könnten besser sein. Zum einen, weil es Wienerinnen eher selten hierher verschlägt, außer natürlich „die Waschmaschine daheim ist gerade kaputt“. Und zum anderen sind da noch all die anderen Single-Männer, die auf potenzieller Brautschau vor der Waschtrommel sitzen.

Dass sich Paare dennoch im Waschsalon kennen lernen, „passiert immer wieder“, erzählt Sven Högn, dem das „Waschcenter“ (Westbahnstraße) gehört. Ein Klischee, „das seine Richtigkeit hat“. Högn weiß das ziemlich genau, ist er doch „17 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche“ (da fragt man lieber nicht nach dem Privatleben) in seinem „Waschcenter“. Das heißt: Im Büro daneben. Von dort aus verfolgt er das Geschehen – per Videokamera. Und sieht genau, „dass da die Männer die Frauen anbaggern und umgekehrt.“


Rucksacktouristen retten das Geschäft

Jeden Tag sind es rund 200 Menschen, die Högn per Videokamera beim Schmutzwäsche-Waschen beobachtet. Ein paar Mal am Tag, wenn wieder einmal eine Maschine streikt oder eine Münze stecken bleibt, ist er auch selbst im Waschcenter. Viele Kunden, weiß er, müssen durch halb Wien fahren, weil Högns Waschsalon einer der wenigen verbliebenen in der Stadt ist.

Über schlechte Geschäfte klagt Högn nicht. Neben den Single-Männern sind es vor allem Rucksacktouristen, die ihre Wäscheberge vorbei bringen. Ohne die freilich wären die Waschsalons ziemlich leer: Denn Wiener schleppen ihre Wäsche nur in Ausnahmefällen (wie die erwähnten Single-Männer) zur Münzwaschanlage. „Heute haben ja fast alle einen Waschmaschinenanschluss“, sagt Innungsmeister Mertl, und es klingt ein wenig vorwurfsvoll. „Die Nachfrage hat sehr stark nachgelassen.“ Vor 30 Jahren noch, da war es gang und gebe, seine Wäsche auswärts zu waschen, viele Waschsalons waren fest in Alte-Damen-Hand, Kaffeekränzchen-Atmosphäre inklusive. (Wieder so ein Klischee.)

Heute ist nicht nur die ältere Generation waschmaschinentechnisch versorgt. Weil immer weniger Wiener in Wohnungen leben müssen, die gerne als „Substandard“ bezeichnet werden. Die großflächige Sanierung hat den Waschsalons geschadet, ihre Zahl hat sich von mehreren pro Bezirk auf wienweit neun dezimiert, viele davon innerhalb des Gürtels und in Bahnhofsnähe. „Damit ist der Bedarf ziemlich gedeckt,“ so Mertl.

Unverändert geblieben ist jedenfalls der Charme (naja) der Waschsalons. Versuche wie in Deutschland (etwa im Kölner „Cleanicum“), dem Waschsalon dank angeschlossener Cocktail-Bar ein wenig Lounge-Flair und ein besseres Image zu verleihen, sind in Wien nicht angedacht. „Den Gedanken hatte ich auch kurz, aber ich hab mich dagegen entschieden“, sagt Högn. „Mein Waschcenter soll ja kein Wirtshaus sein.“
Deutsche Putzerei-Kette expandiert: Seite 17

INFO: Waschsalons

Vor rund dreißig Jahren gab es in Wien nochDutzende Waschsalons, heute haben laut Wirtschaftskammer nur noch sechs Firmen eine Konzession, die wienweit neun „Mietwaschküchen“ (so der korrekte Begriff) betreiben.
Geändert hat sich auch die Klientel: Waren es früher Arbeiter und ältere Frauen, sind es heute vor allem Rucksacktouristen und alleinstehende Männer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2007)

Kommentar zu Artikel:

Partnersuche vor der Waschtrommel

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen