Hintergrund: Müssen Moscheen Minarette haben?

Hintergrund: Wie Gebetsstätten aussehen müssen, wer sie baut, wo sie stehen.

In der öffentlichen Diskussion werden beim Thema Islam häufig Begriffe verwendet, die einige Fragen offenlassen. So werden etwa islamische Gebetsstätten pauschal als Moscheen bezeichnet – was im Grunde nicht stimmt. Im Folgenden einige Antworten auf Fragen, die Licht ins Dunkel bringen sollen.

1Was ist eine Moschee?

Die Moschee ist für Muslime der rituelle Ort des gemeinschaftlichen Gebets. Darüber hinaus ist sie aber auch ein sozialer Treffpunkt, der eine gewisse Infrastruktur, die über die Gebetsmöglichkeit hinausgeht, anbietet – inklusive Ansprechpersonen für Gläubige.

2Wie viele Moscheen gibt es in Österreich?

Derzeit existieren zwei Moscheen in Österreich. 1979 wurde mit dem Islamischen Zentrum am Hubertusdamm der erste derartige Bau errichtet. Das Gebäude wurde mit Hilfe einer Geldspende des damaligen Königs von Saudi-Arabien, Faisal Bin Abdul Aziz, errichtet. Zuvor hatten Vertreter von acht islamischen Staaten das Grundstück erworben und gemeinsam mit Österreich das Bauvorhaben unterstützt. Das Minarett ist 32 Meter hoch, zusätzlich sind Einrichtungen zur Pflege der islamischen Kultur im Gebäude untergebracht. Die zweite Moschee mit einem 15 Meter hohen Minarett steht seit 2006 im Tiroler Telfs. Eine dritte Moschee ist derzeit in Bad Vöslau im Entstehen. Daneben existieren im gesamten Bundesgebiet rund 200 Gebetsräume, die zum Teil in Wohnungen, ehemaligen Industriestätten Lagerhallen und dergleichen untergebracht sind.

3Was ist der Unterschied zwischen Moschee und Gebetsraum?

Erstens muss eine Moschee als solche gebaut werden. Durch eine Neuwidmung bereits bestehender Räume entsteht laut Carla-Amina Baghajati, Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, keine Moschee. Zweitens muss eine Moschee zu allen fünf Zeiten des Gemeinschaftsgebets – das erste zur Morgendämmerung, das letzte kurz nach Sonnenuntergang – geöffnet haben. Und drittens muss es auch einen Imam geben, der beim Freitagsgebet die Khutba, die Predigt, hält.

4Muss eine Moschee ein Minarett haben?

Nicht unbedingt. Zwar hat die Moschee idealerweise Kuppel und Minarett (Gebetsturm), doch wurden auch schon Moscheen ohne Minarett gebaut. Bei den ersten Moscheen rief der Muezzin noch vom Dach aus zum Gebet – heute erfolgt der Ruf meist per Tonband. Und das nicht überall, so gilt etwa bei der Moschee in Telfs ein Beschallungsverbot. Bei einigen Neubauten „hat man sich auch von zum Klischee gewordenen Vorstellungen gelöst“, so Baghajati. Auch westliche Architekten sind beim Bau von Moscheen kein Problem.

5Wer kann in Österreich eine Moschee errichten?

In Österreich wurden die bisherigen Moscheen (und Gebetsräume) auf Initiative von Vereinen errichtet beziehungsweise ausgebaut. Sie sind es auch, die sich um die Finanzierung und die architektonische Gestaltung kümmern. Üblicherweise wird die offizielle Islamische Glaubensgemeinschaft von den Vereinen über die Bauvorhaben informiert, streng genommen sind sie dazu aber nicht verpflichtet. Daher hat die Islamische Glaubensgemeinschaft nicht immer einen genauen Überblick, wie viele muslimische Gebetsräume es tatsächlich gibt – auf der Website hinkt man mit der Aktualisierung immer etwas hinterher.

6Kann die Islamische Glaubensgemeinschaft eine Moschee bauen?

Theoretisch könnte auch die Islamische Glaubensgemeinschaft von sich aus einen Moscheebau initiieren, doch bislang ist dies nicht geschehen. Vielmehr widmete man sich anderen Einrichtungen islamischer Infrastruktur, etwa dem Aufbau von Bildungseinrichtungen oder dem islamischen Friedhof in Liesing, der in Kürze eröffnet werden soll. Für den Bau einer eigenen Moschee wären zudem auch finanzielle Mittel erforderlich, die die IGGiÖ eigenen Angaben zufolge nicht aufbringen kann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2007)

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