Ist Grinzing schon verloren?

KULTURERBE. Ein Heuriger nach dem anderen sperrt zu, ein Winzer nach dem anderen gibt auf, die Immobilien-Entwickler müssen nur auf die Umwidmungen warten. Nun tritt ein Wein-Investor an.

WIEN. Es ist fünf nach zwölf. In Wiens Nobel- und Tourismus-Dorf Grinzing verschwinden seit Monaten Heurigen-Betriebe und Weingärten. Das „Hauermandl“ steht für die gesamte Fehlentwicklung. Der ehemalige Heurige in der Cobenzlgasse 20 gilt als letztes historisches mittelalterliches Winzerhaus. Besser gesagt: galt.

Denn das Haus wurde vor einigen Jahren verkauft, der neue Eigentümer hatte mit dem schwierigem Weinbau nichts am Hut, sondern wollte in einer Top-Lage gut wohnen. „Das war der letzte ebenerdige typische Grinzing-Heurige“, klagt Michael Lenzenhofer von der Bürgerinitiative „Weltkulturerbe Grinzing“. Alle Rettungsversuche – auch mit Hilfe des Bundesdenkmalamts – fruchteten nichts. Vergangene Woche wurde der letzte Rest des historisch wertvollen Dachstuhls abgerissen, nur mehr ein kleiner Teil der Straßenfront-Mauer steht. „Eine Schande,“ sagt Heurigenwirt Franz Hengl und beklagt, dass Stadt, Bezirk und Denkmalschützer tatenlos zusehen. Hannes Trinkl, Döblings Vize-Bezirksvorsteher, hält dagegen, dass das Dach wieder so hergestellt werden müsse wie es war. Was Hengl nicht glaubt: „Das Hauermandl ist verloren.“

Auch Weingärten sind immer wieder Ziel von Spekulanten: Einmal nicht mehr bewirtschaftet, fand sich bis vor einigen Jahren kaum ein neuer Winzer. Immobilien-Entwickler schlugen zu, warteten teils durchaus erfolgreich auf mögliche Umwidmungen in Bauland. Häufige Argumentation: Wein wolle ohnehin keiner mehr anbieten. Das hat sich nun völlig verändert: Hans Schmid, ehemaliger Gründer der Werbeagentur GGK, Verlagschef, Winzer und Lokalbetreiber (siebe unten) sagt im Gespräch mit der „Presse“ klar und deutlich: „Ich kaufe jeden Quadratmeter Weingarten, solange es sich um marktübliche Preise handelt.“ Sein eigenes Rotes Tor will er je nach Bedarf ausweiten. In seinem Heurigen, dem Mayer am Pfarrplatz, hat er vergangenen Donnerstag auch erstmals eine neue Gruppe zwecks Rettung der Grinzinger Weinkultur versammelt, mit von der Partie ist auch Wiens Planungsstadtrat Rudi Schicker.

Dabei ist Grinzing nicht das einzige problematische Weindorf. Döblings. Auch in Neustift gab es zuletzt einige Immobilienspekulationen. In einem Fall wurde eine historisch wertvolle Hausfassade eingerissen; die Baupolizei stoppte den Abbruch. Auch in Nußdorf gab es in den letzten Monaten Versuche, vollendete Tatsachen zu schaffen. So hat etwa ein aus Syrien stammender Bauherr auf seinem riesigen Gelände mitten im Landschaftsschutzgebiet versucht, einen Golfplatz errichten lassen. Er muss jetzt das Gelände in den ursprünglichen Zustand zurückversetzen.

Im Rathaus weist man die Vorwürfe von Döblinger Bürgerinitiativen zurück, die Stadt begünstige mit „weichen“ Flächenwidmungen und raschen Baugenehmigungen diese Verbauung. „Man kann einem Hausbesitzer nicht vorschreiben, an wen er verkauft“, heißt es im Schicker-Büro. Es gebe definierte Widmungen, wenn ein Bauherr dagegen verstoße, werde die Baupolizei aktiv.

Was Grinzing betrifft, fordert auch das Bundesdenkmalamt ein Umdenken. „Neue Erkenntnisse zeigen uns, dass man die Geschichte Grinzings umschreiben muss. Die historische Bausubstanz in dem Gebiet ist jedenfalls sehr bedeutend“, sagt Bruno Maldoner.

Am Wochenende fand in Grinzing das Herbstfest statt und zog zahlreiche Besucher an. Was Hengl besonders freut: „Da standen zahlreiche Menschen fassungslos vor dem Hauermandl. Jetzt haben viele gesehen, was in Grinzing wirklich passiert.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2007)

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