Zaha Hadid-Bau: Wohnt da jemand?

Stadtplanung. Die Spittelauer Lände Nr. 10 ist leer, der letzte Mieter weg. „Neuer“ Plan: Wieder ein Studentenheim.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Gespenstisch, sagt Mirjam Zisler, war es vor allem nachts. Und vor allem wenn sie mit dem Taxi nach Hause kam. Wie da die Taxler jedes Mal vor der zackigen Beton-Skulptur auf der Spittelauer Lände Nr. 10 stutzten. Und nachfragten: „Wohnt da jemand?“

Tatsächlich hat sich Zisler, die von Februar bis April 2007 in einer Dienstwohnung im Zaha-Hadid-Gebäude lebte, das oft selbst gefragt. Nachbarn – das war ein gekipptes Fenster hier, ein brennendes Licht dort. Und nun nicht einmal mehr das: Denn mit 31. Oktober ist der Vertrag des letzten Mieters ausgelaufen. Damit ist es hier auch offiziell das, was es schon lange schien: ziemlich leer.

Dabei hatte es so hübsch begonnen. Zaha Hadid, Star-Architektin, sollte mit einem mutigen Wohnbau über die Spittelauer Stadtbahnbögen den tristen Donaukanalabschnitt beleben, einen Treffpunkt schaffen, ein Zeichen setzen. Die Realität sah dann aber anders aus: Der Preis (fast zehn Millionen Euro) geriet zu hoch, die Umsetzung trotzdem zum Kompromiss, der Hadid missfiel.


Lösung Mitte November?

Auch das Nutzungs-Konzept ging nicht auf: Zunächst waren schicke Wohnungen geplant, realisiert wurden dann eher billig eingerichtete befristet vermietete Einheiten im Boarding-House-Stil. Im Vorjahr, ein Jahr nach der Fertigstellung des Prestigeobjekts, schlitterte der Bauträger SEG dann in die Pleite, diesen Sommer in Konkurs. Seitdem ist die Zukunft des Baus ein Fragezeichen.

Oder doch nicht? Im Büro des Masseverwalters Richard Proksch glaubt man, dass bis Mitte November ein Käufer gefunden ist. „Es wird nicht lange leer stehen.“ Aus dem Rathaus erfährt man auch, was Proksch nicht sagen will, nämlich, was der neue Eigentümer angeblich plant: Ein Studentenheim. Wieder einmal.

Ob der Plan im zweiten Anlauf gelingen könnte, bezweifelt Dietmar Steiner, Direktor des Architekturzentrum Wien: „Nur wenn der Eigentümer bereit ist, in eine spezielle Möblierung zu investieren.“ Denn die extravaganten Grundrisse der Wohnungen – Winkel, lange Schläuche – sind nicht Ikea-kompatibel. Ein weiteres Problem ist der Lärm, wie Zisler aus Erfahrung weiß: Viele Wohnungen sind zur verkehrsreichen Lände ausgerichtet. Auch die U-Bahn trägt mit zarter Erschütterung ihr Scherflein bei.


„Das wird ein Brennpunkt“

Dass die Voraussetzungen für so gut wie jede Nutzung schwierig sind, bestätigt auch Stadtplaner Reinhard Seiß. Und er sagt: „Es ist bezeichnend, dass von jenen, die das Projekt zuvor forciert hatten – vom ehemaligen Wohnbaustadtrat Werner Faymann bis hin zu den Experten im Grundstücksbeirat –, nach dem Bau nichts mehr dazu zu hören war.“ Wer tatsächlich schuld sei, sei im Nachhinein schwer zu sagen, meint Steiner. Aber: „Dass die Vorstellungen von Zaha Hadid mit sozialem Wohnbau nicht vereinbar ist, hätte man sehen müssen.“ Noch dazu, wo ja der Standort schon heikel genug ist: Mit der Fernwärme hat man quasi Industrie-Atmosphäre vor der Haustür, das Grundstück selbst ist inselgleich von Wasser auf der einen und dem Verkehrsstrom auf der Seite umspült. Hier allerdings geht etwas voran. Nach der Eröffnung des Skywalks zwischen 9. und 19. Bezirk wird nun an einer Verbindung zwischen Skywalk und Donaukanal-Vorkai gearbeitet. Der Rad- und Gehweg soll über die Stadtbahnbögen durch den Hadid-Bau über eine Rampe zum Kanal führen. Geplante Fertigstellung: Frühjahr 2008.

Die Stadt hat nämlich ihren Plan zur Aufwertung des Kanalufers nicht aufgegeben. So soll der Abschnitt zwischen der Wohnskulptur und dem Apcoa-Parkplatz bei der Gürtelbrücke, der zu einem Parkhaus umgebaut wird, bis 2008/2009 belebt werden. In zehn der Stadtbahnbögen soll sich etwa Gastronomie einmieten, sagt Andreas Gerlinger, Mitarbeiter von Donaukanal-Koordinator Bernhard Engleder. Und in die gläsernen Erdgeschoße des Hadid-Bau und die überbauten Bögen sollen „Szenelokale und gehobene Restaurants“ einziehen. „Das wird ein Brennpunkt.“ Demnächst. Inzwischen bleibt es auf Nummer zehn aber noch ein Weilchen dunkel. Und etwas gespenstisch. Vor allem nachts.

AUF EINEN BLICK

Der Zaha-Hadid-Bau, 2005 um fast zehn Mio. Euro fertig gebaut, sollte den Donaukanal bei der Spittelau beleben. Doch weder ging das Wohnkonzept wirklich auf, noch eröffneten im Erdgeschoß und den dazu gehörigen Stadtbahnbögen je die geplanten Lokale. Im Vorjahr schlitterte der Bauträger SEG in die Pleite. Danach ließ man die Mietverträge sukzessive auslaufen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2007)

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