Österreich: Immer mehr Kinder misshandelt

Fall Luca. Verdopplung der Meldungen in Wien seit 2003 – was Behörden tun können.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

WIEN. Warum musste der 17 Monate alte Luca sterben? Diese Frage wird immer lauter, nachdem bekannt wurde: Ein Mödlinger Spitalsarzt hatte bereits im Juli festgestellt, dass der Bub misshandelt wird. Am Freitag gerieten die zuständigen Jugend-Behörden noch stärker unter Druck. Auch die Universitätsklinik Innsbruck, in der der Bub im Juli ebenfalls behandelt wurde, sprach von einem „dringenden Verdacht auf Kindesmisshandlung“, der dem Jugendamt Schwaz damals mitgeteilt worden sei. Das Jugendamt Schwaz entschied sich für „engmaschige Kontrollen“, als der Bub im Herbst wieder eingeliefert wurde. Wenige Wochen später war Luca tot; gestorben nach Misshandlungen, vermutlich erstickt – der 23-jährige Stiefvater wurde verhaftet. Haben die Jugendämter versagt? Die „Presse“ beleuchtet die wichtigsten Fakten.

1. Wie viele Fälle von Kindesmisshandlung gibt es pro Jahr?

Allein in Wien gab es laut aktuellen Daten (2006) genau 10.045 Meldungen ans Jugendamt. Das entspricht einer Steigerung von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Seit 2003 hat sich die Zahl fast verdoppelt. Der größte Teil der Meldungen bezieht sich auf Vernachlässigung (55 Prozent) und psychische Gewalt (28 Prozent). Sexueller Missbrauch macht drei Prozent der Meldungen aus. Aber: Nicht alle Meldungen erweisen sich als wahr.

2. Was passiert, wenn eine Meldung das Jugendamt erreicht?

Jugendschutz ist Ländersache. Daher gibt es österreichweit keine einheitliche Vorgangsweise. In Wien, das sich als Vorreiter sieht, rücken nach einer Meldung zwei Sozialarbeiter aus und besuchen die Familie zu Hause. Sie gehen dabei nach einem Kriterienkatalog vor: Wirkt das Kind apathisch/eingeschüchtert, wirkt es schmutzig/vernachlässigt? Wird eine Gefährdung festgestellt, müssen die Sozialarbeiter das Risiko einschätzen – eine Gratwanderung: „Jede Fremdunterbringung ist traumatisierend für ein Baby“, erklärt Daniela Attwood (Wiener Jugendamt): „Das ist oft schwerer, als wenn das Kind bei der Mutter bleibt.“ Deshalb wird versucht, mit den Eltern zu kooperieren, sie zu unterstützen und das Kind bei der Mutter zu lassen. Das Gesetz schreibt außerdem vor, dass das „gelindeste Mittel“ angewandt werden muss. Ist das Risiko für das Kind zu groß, kommt eine Pflegefamilie zum Einsatz.

Interessantes Detail: Viele Eltern streiten Misshandlungen nicht ab, sprechen von „ein paar gesunden Watschen“.

3. Die häufigsten Anzeichen, dass Kinder misshandelt werden.

Wenn Kinder plötzlich ihr Verhalten ändern, extrem introvertiert oder aggressiv werden; sehr oft blaue Flecken etc. aufweisen: Dann sollte das die Aufmerksamkeit von Lehrern, Nachbarn und Verwandten erregen.

4. Wie kann Gewalt gegen Kinder besser bekämpft werden?

Wiens Kinderanwältin Monika Pinterits fordert: Eigene Kinderschutz-Teams in Spitälern und bessere Vernetzung aller Jugendämter. Gewalttätige Eltern würden oft Wohnsitz und Hausarzt wechseln, damit Gewaltexzesse nicht entdeckt werden. Außerdem: Bis zum 6. Jahr (Schulpflicht) bleibe Gewalt gegen Kinder oft unentdeckt, weil in der Familie. Hier müsse etwas geschehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2007)

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