Die Rückkehr der Salonkultur, light

Freizeit. Die Lust auf Kunst und Debatte im kleinen Rahmen steigt. Doch der „Salon, neu“ ist oft eine Mogelpackung.

Die Presse (Michaela Bruckberger)

Wien. Man kann sich bessere Adressen für ein Comeback vorstellen als die Gürtel-nahe Herklotzgasse. Zumindest auf den ersten Blick. Denn auf den zweiten eignet sich Nr. 21 für ein Update der Wiener Salonkultur so gut, dass es fast kitschig ist: Rechts im Innenhof, quasi als Symbol jüdischer Salon-Tradition(s. u.), steht die letzte intakte Turnhalle des Makkabi-Sportvereins. Links dient eine Ex-Erbsenschälfabrik als New Yorker-Loft-Kulisse (bekannt als Brick-5). Und dazwischen: Anna Maria Krassnigg, Salondame in spe, die sich in lockerer Konversation übt: „Schön, nicht?“

Tatsächlich. Tatsächlich steht Krassnig mit ihrem Theater-Crossover „Salon5“, der mit 15. Jänner startet, auch nicht allein da. Vielmehr scheint die Lust auf (Diskussions-)Kultur im intimeren Rahmen bzw. zumindest die Lust auf den Salon-Begriff in der Wiener Luft zu liegen. Die Ausprägungen sind verschieden: Die Palette reicht von expliziten Abenden mit Kunst und Debatte über geselliges Beisammensein vor und nach Vorstellungen (beides im Salon5) bis zur erweiterten Lesung – etwa im Schauspielhaus, wo im Dezember „Schöberls Literatursalon“ debütierte. Die Miteigentümerin der Buchhandlung „Leporello“, Rotraut Schöberl, moderiert dort „bewusst weitschweifige“ Buch-Gespräche.


Salon-Inflation: Bloß Schmäh?

Auch außerhalb des Theaters tummelt sich Wien in „Salons“ – in der Gastronomie (Hollmann Salon), in der Partyszene (im halbprivaten „Wurstsalon“). Sogar Geschäfte laden zu „Salonabenden“, zwecks zwanglosen Shoppings. Dem deutschen Fernsehen war dieses Phänomen sogar einen Mini-Beitrag wert. Kein Wunder also dass auch der Wien-Tourismus eine Salon-Renaissance wittert. Zu Recht?

Zunächst: Nein. Fragt man in der Wiener Gesellschaft Leute, die es wissen müssten – wie die Kunstmanagerin Sylvia Eisenburger-Kunz – haben sich, im Gegenteil, bereits die letzten Reste traditioneller Salonkultur verflüchtigt. Geblieben sind geschlossene Gesellschaften, Clubs und Netzwerke, die zwar regelmäßig der strukturierten Kontaktpflege, aber nicht zwanglosen Gesprächsrunden mit Tiefgang frönen.

Und die vielen neuen Wiener Salons? Sind oft keine. Zumindest wenn man der Definition von Cornelia Saxe folgt. Die Autorin („Das gesellige Canapé“) hat den (echten) Salon-Boom im Berlin der späten 1990er porträtiert. Als nach der Wiedervereinigung viele in die neue Hauptstadt zogen, entstanden zirka hundert Salons. „Man hatte das Bedürfnis, einander kennen zu lernen“, beschreibt Saxe den gar nicht elitären Trend, der nichts mit den Hinterzimmern der Macht, sondern primär mit Freizeit zu tun hat. Man traf (und trifft) einander in literarischen, künstlerischen, wissenschaftlichen, selten politischen Zirkeln, denen eins gemeinsam ist: ein Gastgeber, häufiger eine Gastgeberin.


Die Freunde der Freunde der...

„Eine Person, die Leute anzieht, vorstellt, ins Gespräch bringt, das ist es, was einen Salon ausmacht,“ sagt Saxe. Und genau die fehlt Wiener Salons. Vielleicht mit Ausnahme des schon älteren, durch Berlin inspirierten „Der Wiener Salon“ (Schwerpunkt: World Music) von Christine Reiterer, zu dem man meist „mitgenommen“ wird, während für andere Salons gilt: Wer ein Ticket kauft, sich auf einer Homepage einträgt, ist dabei.

Aber ob echt oder nicht oder bloß Etikett: Tatsache ist, dass der „Salon, neu“ boomt. In einer schnelllebigen Zeit, sagen Reiterer, Schöberl und Krassnigg. habe man wieder Interesse am Gegenteil – an Tiefgang, am Abschweifen. An echtem Kontakt mit Künstlern, echten Gesprächen. Und die Hoffnung auf familiäre Intimität in der Großstadt und jene, „gute Leute zu treffen“. Zum Reden oder mehr.

Gerade bei sonst großem Freizeitangebot gilt das „Halbprivate“, wenngleich oft Marketing-Gag, schnell als Qualitätsmerkmal. Die Freunde der Freunde der Freunde können doch nicht so übel sein, oder? Obwohl derartige Konstrukte labil sind. Das weiß man auch im Berliner Popkultursalon, dem „Slomoladen“ (derzeit auf Quartiersuche), bei dem der Linzer Roland Grimm mitarbeitet. Das „Slomo“ zieht Schauspieler (Daniel Brühl) und Regisseure (Wim Wenders) an. Reden will man darüber aber nicht, denn wenn dann jeder in den Salon wollte, bräuchte man glatt einen Salon im Salon. Wie mühsam.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2008)

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