Flucht vor den Nazis: Von der Scham, Wien zu lieben

Hertha Lowy musste als Sechzehnjährige vor den Nazis nach London fliehen. Der österreichischen Schülerin Katrin Muckenhammer erzählt sie von ihrem Schicksal.

(c) APA (Votava)

London/WIEN. „Das ist mein Schnitzerl, ist sie nicht entzückend?“ Stolz zeigt Hertha Lowy die Bilder von einem ihrer Enkelkinder. „Ich nenn sie Schnitzerl, weil das ihre Lieblingsspeise ist“, erzählt die 86-Jährige aufgekratzt und zeigt weitere Fotos von ihrer Tochter Evy und ihrem Sohn Peter. „Ich erinnere mich, als ich mit 16 Jahren nach London gekommen bin: ich war ganz alleine. Jetzt habe ich eine große Familie. Wir sind uns alle sehr nahe.“

Vieles in der Wohnung im Londoner Suisse-Cottage-Viertel erinnert an Österreich: die Lade voller Knorr- und Maggi-Packerlsuppen, der „Paprika edelsüß“ von Kotànyi. „Und meine Schwiegertochter ist eine echte Wienerin“, erzählt sie lächelnd, während sie Katrin Muckenhammer von einem Raum zum nächsten führt.

Die 15-Jährige ist eine von zwölf Schülerinnen und Schülern, die als „Botschafter der Erinnerung“ durch das Projekt „Letter to the Stars“ nach London gekommen sind, um hier die Lebensgeschichten österreichischer Holocaust-Überlebender zu dokumentieren.

Hertha Lowy kramt ihre alten Schulzeugnisse hervor. „Sehr gut“ steht da in fast jeder Zeile in verblasster Schrift. Sie zeigt die Pokale, die sie beim Bridge-Spielen gewonnen hat. Sie spiele immer noch regelmäßig, erzählt sie. Dann wird ihre Stimme ganz leise. „Das ist das letzte Foto, das ich von meinem Papa hab.“ Es ist ein Standbild aus einem Schwarz-Weiß-Film, einer Dokumentation über ein Konzentrationslager, in dem ihr Vater umgebracht worden ist. Auch ihre Mutter und ihre Schwester sind durch das Nazi-Regime ums Leben gekommen.

Nur Hertha Lowy ist die Flucht geglückt. Alleine hat sie sich als Sechzehnjährige nach London durchgeschlagen. Dabei, schildert sie, hielt sie Hitlers Invasion zunächst „nur für einen schlechten Scherz“. Der Anschluss an Hitler-Deutschland, die darauf folgenden Einschränkungen im täglichen Leben der jüdischen Bevölkerung – all das war für sie damals nicht so wichtig wie ihre große Liebe. „Meinen Peter“, nennt sie ihren damaligen Freund heute noch im schwärmerischen Tonfall.

„Mir war damals nicht bewusst, wie gefährlich die Situation war“, erzählt Hertha Lowy. So wenig sogar, dass sie sich dazu hinreißen ließ, Hitler bei seinem Einmarsch in Wien zuzujubeln. „Ich bin in der Menge gestanden und hab mitgeschrien.“ Sie schüttelt ungläubig den Kopf. Die Familie sah damals Hitlers Einzug nicht als Bedrohung. „Mein Vater hat gesagt: ,Uns kann nichts passieren, wir sind Wiener. Ich habe im Ersten Weltkrieg gekämpft‘“, dann habe er stolz seine Tapferkeitsmedaille von damals hervorgeholt.


Visum von einem Fremden

So war es auch weniger die Angst um ihr Leben als jugendliche Dreistigkeit, wegen derer sie sich 1937 ein Visum für Großbritannien besorgte. Schließlich wollte sie gemeinsam mit ihrem Freund Peter emigrieren. Lowy suchte also aus dem Telefonbuch die Adresse eines Herren mit dem selben Familiennamen heraus. Sie schrieb ihm einen Brief mit der Anrede „Lieber Onkel“, wies auf die politische Situation hin und bat ihn darum, ihr ein Visum zu besorgen. „Ich war damals ganz schön frech“, sagt sie.

Und tatsächlich: Herr Lowy aus Großbritannien schickte der ihm Unbekannten ein „Permit“. Ihre Eltern wussten von all dem nichts.

Die Situation in Wien wurde für die jüdische Bevölkerung unterdessen immer unerträglicher. „Noch immer sehe ich meinen armen Papa die Pflastersteine mit einer Zahnbürste reinigen“, erinnert sich Hertha Lowy. Die Eltern arrangierten die Flucht der Familie in die Tschechoslowakei. Doch an der Grenze lief Hertha weg, zurück nach Wien, zu Peter.


Frechheit als Lebensretter

Ein Mitglied der NS-Frauenschaft brachte sie auf Ersuchen des Vaters zur Familie nach Prag. In ihren kleinen Koffer packte sie nichts außer all den seit ihrem dreizehnten Lebensjahr verfassten Tagebüchern. „Keine Schuhe, keine Socken. So war ich damals.“

In Prag war Hertha Lowy „todunglücklich, ohne meinen Peter“. Als die NSDAP 1938 das tschechoslowakische Sudetengebiet annektierte, beschloss sie deshalb, sich auch den für die Ausreise benötigten Passierschein von der Gestapo zu besorgen.

Während die Warteschlange der „Arier“ vor dem Amt täglich kürzer wurde, wurde jene der Juden nur noch länger. „Und da hab ich mir gedacht: Ich stell mich einfach bei den ,Nicht-Juden‘ an“, erzählt Hertha Lowy. Ihre Frechheit und ihr Mut siegten auch in diesem Fall: Trotz des großen roten „J“, mit dem damals die Pässe von Juden gekennzeichnet wurden, erhielt sie einen Passierschein.

Obwohl ihre besorgte Mutter sie davon abzubringen versuchte, setzte sich Hertha Lowy in den Zug nach Deutschland, wo sie ihren Freund treffen sollte. „Meine Mutter ist ohnmächtig auf dem Boden zusammengebrochen, während der Zug aus der Station gefahren ist. Damals hab ich meine Familie zum letzten Mal gesehen.“ Mutter, Vater und Schwester wurden ins Konzentrationslager deportiert. Was das bedeutete, war Hertha Lowy damals nicht bewusst. „Von den Gaskammern wussten wir damals nichts, das kam erst nach Kriegsende heraus.“

Auch ihre Jugendliebe Peter hat Hertha Lowy nie wieder gesehen. Ein viele Jahre später geplantes Treffen kam doch nicht zu Stande – Peter war unmittelbar davor bei einem Autounfall gestorben.

„Diese Frau ist unglaublich“, platzt es aus Katrin Muckenhammer heraus, nachdem sie sich von Hertha Lowy verabschiedet hat. „Sie strahlt so viel Lebensfreude aus, ich war ganz umsonst so nervös vor dem Treffen.“

Wenig später erreicht ein Brief von Hertha Lowy das Büro von „Letter to the Stars“ in Wien, in dem sie sich für Katrin Muckenhammers Besuch bedankt: „Ich spüre, dass ein neues Österreich erwacht, dass ich wieder stolz sein darf, Wienerin zu sein. (English oder nicht – ich bin immer Wienerin geblieben). Oft habe ich mich geschämt in den vergangenen Jahren, so viel Sehnsucht nach Wien zu haben. Heute darf ich es!“

www.lettertothestars.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2008)

Kommentar zu Artikel:

Flucht vor den Nazis: Von der Scham, Wien zu lieben

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen