Schengen: Die letzten Tage der Grenzposten

Wenn Liechtenstein und Schweiz im November dem Schengen-Abkommen beitreten, fällt die letzte echte Außengrenze. Die Grenz-Beamten sollen künftig Streife fahren - oder in Pension gehen.

(c) EPA (Hopi Media / Holzner)

FELDKIRCH. „Den Grenzbalken haben wir schon 2006 verschrottet“, sagt Eduard Keßler, Chefinspektor der Grenzpolizeiinspektion Feldkirch-Tisis. 28 Beamte bewachen die 11,6 Kilometer lange Grenze zwischen Österreich und dem Fürstentum Liechtenstein. Eine in Europa einzigartige Grenze. Auf Liechtensteiner Seite steht nämlich die Schweizer Grenzwache.

Zwar unterhält das Fürstentum eine Landespolizei, doch die Überwachung der Grenze zu Österreich hat es im Rahmen einer Zoll- und Währungsunion der Schweiz übertragen. Heuer im November wird die Schweiz dem Schengener Abkommen beitreten und somit seine Grenze zu Österreich öffnen. Auch Liechtenstein soll Teil des Schengenraumes werden. Österreichs letzte echte Außengrenze wird dann fallen.

Das Fürstentum hat den Assoziationsvertrag noch nicht unterschrieben, aber auf österreichischer Seite wurden bereits alle Vorbereitungen getroffen, wie Chefinspektor Keßler erklärt: „Wir können praktisch über Nacht übergeben. Ein einziger Schriftzug muss geändert werden. Wir schließen unsere Computer ab, der Zoll schließt seine an. Das war's.“

Denn trotz Schengen bleibt hier eine Zollaußengrenze. Der Warenverkehr wird weiter von Zöllnern kontrolliert. Auch Keßler und seine Mannen waren einst als Zollwachebeamte dem Finanzministerium unterstellt. Heute tragen sie Polizeiuniformen und dienen dem Innenministerium. Im November wird der letzte Umschulungskurs enden.

„Dass die EU uns den Job kosten wird“, wussten er und seine Kollegen schon seit 1995, als Österreich der Europäischen Union beitrat. 2003 wurde die damalige Zollwache aufgelöst: „Ein Jahr lang war unklar, was mit uns passieren wird. Diese Ungewissheit sorgte für Unruhe unter den Kollegen.“

Schließlich wurden sie dem Innenministerium zugeordnet und zu Gendarmen, später zu Polizisten umgeschult. Nach dem Fall der Grenze werden die Beamten nun im Rahmen der Ausgleichsmaßnahmen (AGM) Kontrollen im grenznahen Gebiet durchführen, als „normale Polizisten“ Streife fahren – oder in Pension gehen.

Denn am Grenzposten tun auffällig viele Herren mit grau meliertem Haaransatz Dienst. „Seit 1995 wurde bei uns nicht mehr nachbesetzt“, erklärt Keßler. Dennoch ist Feldkirch-Tisis mit einem Altersschnitt von 52 Jahren noch die jüngste aller Vorarlberger Grenzpolizeiinspektionen.

Einer dieser jüngeren Beamten ist Günter Ilg. Der heute 47-Jährige kam 1983 zur Zollwache. Wohin es ihn im November verschlägt, weiß er noch nicht: „Ich will zur AGM-Truppe.“ Im grenznahen Gebiet Kontrollen durchzuführen, hält Ilg für reizvoll. Vor allem weil man im Auto unterwegs ist: „Das stundenlange Stehen am Grenzposten ist sehr anstrengend. Dazu kommen die Abgase.“ Klassische Berufskrankheit der Grenzschützer seien Krampfadern, erklären die Beamten.


Keine Weihnachtsfeier mehr

Doch der hohe Altersschnitt habe auch Vorteile. „Alle Kollegen sind erfahren. Die bringt nichts aus der Ruhe“, lobt Eduard Keßler seine Truppe. Als etwa vor zwei Jahren ein betrunkener Schweinehalter, der eine 150 Kilo Sau vor sich hertrieb, einen harmlosen Verkehrsunfall beim Grenzposten Nofels verursachte. „Weil niemand zu Schaden kam, haben die Kollegen Halter und Schwein nach Hause gebracht. Auf eine Anzeige wurde verzichtet“, schmunzelt Keßler.

Doch seine Miene wird ernster, wenn er über den kommenden November spricht: „Wir werden heuer wohl die Weihnachtsfeier vorziehen müssen und sie zur Abschiedsfeier machen.“

AUF EINEN BLICK

Die Grenze zwischen Österreich und dem Fürstentum Liechtenstein ist 11,6 Kilometer lang. Davon sind 80 Prozent Gebirge, nur 20 Prozent befahrbar. Es gibt vier Grenzübergänge, von denen nur Feldkirch-Tisis permanent besetzt ist.

Letzte Grenzer: Insgesamt tun in Vorarlberg noch knapp 130 Polizeibeamte Dienst an der Grenze, 28 in Feldkirch-Tisis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2008)

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