Bleibende Werte: Punk oder Disco?

Soundtrack, Sloganmaschine: Jugendkultur ohne Musik bleibt undenkbar.

Youth culture killed my dog“, sangen 1986 die Pop-Miniaturisten „They Might Be Giants“: Das arme, an Schlager von Burt Bacharach gewöhnte Tier habe dem Hiphop nicht standgehalten. Ja, auch so kann's gehen, doch meist dienen die Stilrichtungen des Pop nur der (nicht letalen) Differenzierung zwischen (jungen) Menschen. Der Sinngebung durch Gruppenbildung, wie sie die Punkband „Sham 69“ so herrlich blöd ausdrückte: „If the kids are united, they will never be divided.“

Das gab es natürlich schon in der Prä-Presley-Zeit, die Kulturgeschichte ist, siehe Secession, eine Geschichte der Fraktionsbildungen. Kleiner Kosmos Kunsthochschule: „Things may come and things may go, but the art-school dance goes on forever“, sagte Pete Brown und hatte Recht.

Warum gehört Musik so untrennbar dazu? Weil sie – danke, Schopenhauer – den Willen am direktesten ausdrückt, weil sie aufregt und beruhigt, anstachelt, aber auch tröstet. „They may have won all the battles, but we had all the good songs“, sang Tom Lehrer. Der Reimer hat das letzte Wort. Pop war immer auch die Kunst des Slogans, des One-liners, des Aphorismus, die besten Werbetexter sind gescheiterte Popmusiker.


Hier Party, dort Sinnkrise

Aber wir waren bei den Schlachten, mitten im Frieden. Legendär sind die Gefechte zwischen Mods und Rockers im England der frühen Sechziger, die einen hörten schwarzen Rhythm'n'Blues, die anderen (vorwiegend) weißen Rock'n'Roll – Ringo Starr zog sich, um ein Bekenntnis fragte, stilvoll aus der Affäre: „I'm a mocker.“

Eine exemplarische Richtungsentscheidung lautete am Ende der Siebzigerjahre: Punk oder Disco? Nihilismus oder Hedonismus? „No fun“ oder lieber doch „Night fever“? Irokese oder Popperwelle? Spätestens als John Lydon 1979 das tragische „Death Disco“ sang, war klar: In der Ära des Post-Punk lässt sich das vereinen, und in dieser leben wir ja irgendwie bis heute.

So vielfältig und zersplittert die Stämme der Popkultur sein mögen, diese zwei Pole existieren noch immer: dort Tanzboden-Jenseits und wortloser Groove, möglichst ohne Ende/Sperrstunde, wie die sprichwörtliche „P-Funk party“; hier Gitarren, Songs und Sinnkrise. Die heutigen Emos mit ihren dicken Lidstrichen und zu Schau getragener Tiefe stehen exemplarisch für diesen Pol, die New Romantics vor 25 Jahren sahen genauso aus und klangen (fast) genauso.

Für Alte befremdlich mag sein, dass die Stile so beständig sind: Das Signet Punk hat seit 1976 seinen Reiz genauso wenig verloren wie die (ja, natürlich: echte) Hippie-Attitüde seit 1967; nur dass die zwei einst unvereinbar schienen, ist unvorstellbar.Auch Techno, die rhythmisierte Ideologie des wort- und sexlosen „Spaß“, ist zur ewigen Wiederkehr verdammt. Und dem B-Boy, dem ewig Marginalisierten, ist das alles völlig egal, zumindest tut er so, auch das hat Stil.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2008)

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