Palästinensertuch: Zwischen Chic und Judenhass

Das erste Modeaccessoire, das man jenseits aller politischen Lager trägt, hat eine bedenkliche Symbolkraft.

WIEN. Was verbindet Neonazis in Sachsen, links angehauchte höhere Töchter am Naschmarkt und unpolitische „Krocha“ in Donaustädter Diskotheken? Sie alle greifen neuerdings wieder zur „Kufiya“, dem Palästinensertuch.

Wieso teilen sich politisch entgegengesetzte Jugendgruppen dasselbe Accessoire? „Weil sich Links und Rechts schon immer auf den Antisemitismus einigen konnte“, sagt der deutsch-jüdische Publizist Henryk Broder der „Presse“. Die Kufiya strahle eine Radikalität aus, die gelangweilte Jugendliche fasziniere. „Weil es derzeit gerade keine SS-Gürtel zu kaufen gibt“, meint Broder leicht zornig, griffen sie eben zum „Pali-Tuch“.

Dabei sollte die Kufiya einst bloß gegen Sonne und Sand schützen. Nordarabische Beduinen tragen traditionell ein rot-weißes, die Bauern des britischen Mandatsgebietes Palästina, wo heute Israel liegt, ein schwarz-weißes Tuch, sagt die Orientforscherin Schirin Fathi von der Universität Hamburg. Zum politischen Symbol wurde das Tuch in den 20er- und 30er-Jahren, als die Einwanderung europäischer Juden nach Palästina zunahm. Judenhass habe es anfangs kaum gegeben, aber politisch geschürte Angst. Und so griffen auch Städter (die bisher den türkischen Fez getragen hatten) zur bäuerlichen Kufiya. „Man erkannte, dass man sich bei Demonstrationen gut hinter dem Tuch verstecken konnte“, sagt Fathi.

Dass Hajj Amin al-Husseini, der Großmufti von Jerusalem, als Ausdruck des Antizionismus die Kufiya als Symbol des arabischen Nationalismus verordnete, glaubt Fathi nicht. „Er war hoher islamischer Würdenträger und trug Fez oder Turban – aber nicht das bäuerliche Kopftuch.“ In dieser Zeit wurzelt aber die Tatsache, dass sich Linke und Rechte auch heute immer wieder im Judenhass treffen. Denn al-Husseini paktierte mit den Nazis. Motto: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund.“ Zum anti-israelischen Symbol wurde die Kufiya unter PLO-Führer Yassir Arafat. Er faltete das Tuch so, dass es Palästinas Umrisse zeigte – inklusive Israels, gegen das Arafat lange Zeit Terror übte.

Spätestens als RAF-Terroristen im Libanon mit arabischen Guerilleros trainierten, löste sich das Tuch von der Palästinenserfrage. „Da liefen dann plötzlich Feministinnen mit lila gefärbten Palästinensertüchern in Deutschland herum“, erinnert sich Fathi.

Vor solch krassen Fehldeutungen ist auch die heutige Jugend nicht gefeit. So tragen seit neuestem junge Fans des Fußballklubs Austria Wien, der auf eine stolze jüdische Tradition zurückblicken kann, violette Palästinensertücher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2008)

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